Wie viel Unterschied verträgt eine Beziehung?

Interview mit Paar- und Sexualtherapeutin Birgit Neumann-Bieneck

Wir haben unsere Paar- und Sexualtherapeutin Birgit Neumann-Bieneck gefragt: Wie ist das eigentlich mit dem Altersunterschied bei Paaren? Sie alt, er jung? Oder er alt, sie jung? Haben sie tatsächlich schlechtere Chancen, den Fortbestand ihrer Beziehung aufrechtzuerhalten?

Birgit Neumann-Bieneck: In meiner Praxis habe ich es öfter mit Paaren zu tun, bei denen der Altersunterschied eine große Rolle spielt. Beispiel: Sie ist um die 40. Beruflich steuert sie auf ihren Zenith hin und will noch so einiges erreichen. Und sie hat einen starken Kinderwunsch. Er ist 65, hat sich aus dem Arbeitsleben verabschiedet. Die Beiden stecken also in ganz unterschiedlichen Lebensphasen – sie können sich in bestimmten Situationen nicht gegenseitig abgleichen. Im Gegensatz zu Gleichaltrigen, die auf gemeinschaftliche Erfahrungen und ähnlichen Lebensrealitäten zurückgreifen können.

Oder: Sie ist ist Ende 20, er ist Ende 40. Er hat schon 2 Kinder aus einer ersten Beziehung und will keine weiteren Kinder mehr. Er arbeitet viel und muss für seine erste Familie finanziell aufkommen. Mit seiner neuen Partnerin will er es besser machen, hat auch Angst, in der neuen Beziehung zu scheitern. Sie hingegen will unbedingt ein Kind. Und sie will Aktivität, sich mit ihren Freundinnen treffen, abends mit ihm ausgehen. Dafür hat er aber keine Energie und Kraft mehr.
In beiden Fällen stoßen die Paare auf Stolpersteine. Sie lieben sich sehr, wollen es gemeinsam hinkriegen, stoßen aber immer wieder an Grenzen und Unverständnis. Die Fragen, die sich stellen, sind: Wieviel trennt uns und was verbindet uns? Können wir dieser hohen Unterschiedlichkeit standhalten? Was sind Beiden bereit, in die Beziehung zu investieren?

Es ist übrigens nicht relevant, wer von Beiden älter ist!

Fazit aus meiner Beratungsarbeit ist: Ein Paar mit einem großen Altersunterschied, ab 15 Jahren, erlebt größere Herausforderungen. Es bedarf eines hohen Maßes an Neugier und Interesse an der Lebensrealität des Anderen, Toleranz und Akzeptanz und immer wieder die Bereitschaft für intensiven Austausch.

Pluspunkte bei großen Altersunterschied sind: Der/die Ältere taucht in eine jüngere Lebensphase ein, das kann sehr belebend und bereichernd sein. Umgekehrt profitiert der/die Jüngere vom Erfahrungsschatz des Anderen: man hat oft keine finanziellen Sorgen und der Ältere ist der „Fels in der Brandung“. Und es ist spannend, in unterschiedliche Welten einzutauchen.