Wenn Berater*innen Beratung brauchen!

Ein Fallbeispiel aus dem Systemischen Coaching von Johannes Paetzel

„Ich weiß auch nicht, warum ich heute hier sitze…“ waren die ersten Worte, mit denen mir mein Klient auf die Frage antwortete, wer denn die Idee zu diesem Coaching gehabt habe.

Die junge Fachkraft für Arbeitssicherheit war merklich nervös, immerhin könnte man in dieser Zeit, wo man hier sitzt, auch zwei Kunden „abfrühstücken“.
Zeit wäre ja schließlich Geld und außerdem hätte er „ja schon mal so 'ne Therapie versucht, aber der Einzige, der seiner Meinung nach eine Therapie gebraucht hätte, war der Therapeut.“

Allerdings war klar, dass das Coaching der letzte Versuch seiner Führungskraft war, um den sich häufenden Kundenbeschwerden über seinen Mitarbeiter Einhalt zu gebieten. Ein Fall für ein eher handfesteres Coaching mit Feingefühl und Tiefgang!

Der Prozess begann mit einem persönlichen Kennenlernen. Hier konnte ich aufgrund meiner persönlichen Biografie - ich stamme aus einer Handwerkerfamilie – damit punkten, dass ich mit bestimmten Klientengruppen gelernt habe, eine handfestere Sprache anzuwenden. Das erzeugte Vertrauen und nach den nächsten zwei Sitzungen, in denen eher persönliche, private Themen erarbeitet wurden, kamen wir zum eigentlichen Problem: Dem Umgang mit „schwierigen Kunden“ und die Arbeit an einer neuen Herangehensweise für die Zukunft.

Ich bat den Klienten zunächst, seine „Lieblingskunden“ ausgiebig zu beschreiben. Anschließen haben wir gut gelungene Situationen mit diesen mentalisiert. Es wurde klar, dass die guten Erfahrungen des Klienten sich mit den Erlebnissen im eigenen Arbeitskontext spiegelten und daher als besser bewertet wurden, als diejenigen, in denen er keine eigenen Arbeitserfahrungen gemacht hatte. In Bereichen, in denen sich der Klient nicht so gut auskannte, beschrieb und mentalisierte er diese Kunden als „Antikunden“. Anschließend bat ich den Klienten, zu überprüfen, wer das Problem mit den Anti-Kunden eigentlich hat: Er in seiner beruflichen Rolle oder als private Person.

Diese Frage führte uns dazu, dass das private Ego Kenntnisse über prekäre Arbeitsbedingungen hatte, die es generell allen vom beruflichen Ego definierten Antikunden zuschrieb.

Damit war die Lösung geboren: Die private Person – ein innerer Anteil der Persönlichkeit – meldete sich im Beruflichen immer dann zu Wort, wenn es um Kunden ging, die der Klient aufgrund seiner eigenen Biografie aus dem eigenen Arbeitskontext nicht kannte: weniger wertschätzend, eher anklagend und verurteilend. Damit war die Einsicht für das Coaching und der Wunsch nach einer Lösung erst so wirklich da und der Klient konnte zum ersten Mal verstehen, was sein Vorgesetzter an ihm auszusetzen hatte.

Eine sehr schöne Lösung für die Praxis haben wir dann auch noch entwickelt, nämlich einen Fragenkatalog aus der „Mensch“-Perspektive für die Antikunden und den Erstkontakt, um zu überprüfen, welche Arbeitsbedingungen denn tatsächlich herrschen und wie die private Person, die berufliche Rolle und die Kunden gut zusammenarbeiten können.

Anzug

Bild: energepic.com I Pexels)

(Autor: Johannes Paetzel, Systemischer Organisationsentwickler (DGSF) und Coach, Dozierender am Systemischen Zentrum.)