Was ist der Nutzen Systemischen Coachings in der Unternehmenswelt?

Interview mit Johannes Paetzel

(Bild: Reptile Pod I Unsplash)

Frage: Schöne, neue VUCA-Welt. Volatile, unpredictable, complex, ambiguous. Was bedeutet das für Führungskräfte und Mitarbeiter?

Johannes Paetzel: Spannung! Für Führungskräfte gilt es, eine passende Balance zwischen Standard und Innovation zu finden. Die disruptiven Kräfte aus dem Marktumfeld und deren Einflüsse auf die in der Organisation bereits etablierten Prozesse und Abläufe brauchen Aufmerksamkeit und Steuerung. Dabei verlangen die Mitarbeiter der nächsten Generationen eigenverantwortliches Arbeiten und Führungskräfte, die eher coachend – begleitend – führen. Gerade für die mittlere Führungsriege vieler Organisationen, die auf eine Zugehörigkeit zum Unternehmen von 5-10 Jahren und mehr blicken, ist das die größte Herausforderung: die etablierten Geschäftsprozesse weiterhin zu steuern und dabei kulturelle Veränderung in Richtung Selbstorganisation und Innovation zuzulassen. Für die Mitarbeiter bedeutet das häufig, dass die zu bearbeitende Spannung der Führungskraft als „unsicher“, „launisch“ und „unklar“ wahrgenommen wird. Hier braucht es Dialog.

Frage: Was brauchen wir, um in dieser neuen Welt zurechtzukommen?

Johannes Paetzel: Die Halbwertszeit von Fachkompetenz („was man mal gelernt hat“) ist heute massiv gesunken. Das Wissen um einen Prozess, einen Standard hält nur noch wenige Zyklen, bevor es von etwas Neuem abgelöst wird. Daher sind Schlüsselkompetenzen, wie die Fähigkeit, Probleme zu lösen, Umgang mit Komplexität und das Denken in Vernetzung stärker gefragt als je zuvor und wird auch weiter zunehmen. Neben unserer Rolle als Arbeitehmer*in brauchen wir Ruhepole und Oasen des Regenerierens, um die kontinuierlich steigende Geschwindigkeit zu kompensieren und wieder bei uns „anzudocken“.

Frage: Was ist Systemisches Denken auf den Punkt gebracht? Und warum Systemisches Denken? Was ist der Nutzen für ein Unternehmen? Oder anders gefragt: Warum Systemisches Coaching und nicht irgendein anderes Business Coaching?

Johannes Paetzel: Systemisches Denken ist für mich das Denken in Wechselwirkungen. Und daher lohnt es sich gerade im Businesskontext, systemische Methoden und Verfahren einzusetzen. Denn der Arbeitsplatz ist ein hochkomplexes Netzwerk, ein soziales System, bei dem es viele Zusammenhänge, Historien, Mit- und Gegenspieler rund um eine Fragestellung gibt. Diese aufzudröseln, die Sichtweisen anderer zu verstehen und daraus einen eigenen, authentischen Lösungsweg zu finden: Das ist es, was wir im Systemischen Coaching machen. Und der Nutzen für Unternehmen ist, dass wir als Systemiker*innen in der Regel keine eigenen Lösungen mit einbringen, sondern davon ausgehen, dass es die Lösung im System bereits gibt. Im Coaching-Prozess entsteht eine Entwicklung von Alternativen, die im Unternehmen anschlussfähig sind und somit auch vom Coachee selbst umsetzbar.

Frage: Gibt es einen messbaren ROI, wenn Unternehmen Systemisches Coaching einführen oder sich in Systemischer Organisationsentwicklung fitmachen?

Johannes Paetzel: Den gibt es sicherlich. Allerdings ist der in Geldwert schwer zu messen. Ich kenne aktuell unter unseren Kunden niemanden, der das ganz genau misst. Das ist allerdings auch ein generelles Problem von HR-Maßnahmen: „Wie bewerten wir die Wirkung einer Maßnahme wie Coaching/Training und die damit einhergehenden Kosten?“ Ich frage hier gern anders herum: „Was würde es denn kosten, wenn Sie nichts unternehmen? Also das Problem weiterhin bestehen bleibt und damit möglicherweise auch ein Schaden." Diese Frage kann meist besser beantwortet werden. Aus der geschätzten „Schadenssumme“ und dem Vergleich zu den Kosten für ein Coaching kann man dann eine Entscheidung treffen. Häufig bekommt das Coaching dann das „OK“. Der Schlüssel zum erfolgreichen Coaching im Unternehmen liegt aber auf jeden Fall in einer systemischen Auftragsklärung (Klient, Team, Unternehmen) sowie einer Zieldefinition, die mitunter im Prozess anzupassen ist.

Frage: Wie passen Systemisches Denken und agile Methoden zusammen?

Johannes Paetzel: Sehr gut! Denn eines der Grundkonzepte von Systemiker*innen ist das der Autopoiesis, der Selbststeuerung von Systemen. Agile Frameworks – wie z.B. SCRUM – beruhen auf dem Prinzip der Selbstorganisation! Und diese funktionieren in der Praxis auch nur dann richtig gut, wenn die passende Haltung auf Seiten der Führungskräfte und Mitarbeitern dazu eingenommen wird, nämlich eine Haltung der Wertschätzung (z.B. anderer Ideen im Entwicklungsverlauf), der Ressourcenorientierung (agile Frameworks sind auf Effizienz und Effektivität bedacht), der Lösungsorientierung („fail fast“ als Mantra in der agilen Arbeitswelt) und nicht zuletzt auch der Transparenz (in vielen agilen Settings ist der Prozess für alle sichtbar). Diese Haltungen sind meiner Meinung nach mit den systemischen Haltungen, die wir auch im Rahmen der Weiterbildungen am Systemischen Zentrum trainieren und an denen wir uns immer wieder reflektieren, identisch.

Johannes Paetzel

Johannes Paetzel, Systemischer Coach und Organisationsentwickler (DGSF),
Prokurist bei der wispo AG in Frankfurt

Weitere Informationen zum Thema „Systemische Organisationsentwicklung / Systemisches Coaching“: Johannes Paetzel im Video: https://youtu.be/Db2GNsgzjfw