Sie denken komplex...

... und sind deshalb so wichtig für Unternehmen!

Zebra

Philip, 35, ist ein Abbrecher. Seit 8 Jahren arbeitet er als Systemadministrator. Eine Zeitarbeitsfirma setzt ihn bei unterschiedlichen Firmen im Rhein-Main-Gebiet ein. Bei kleineren Unternehmen, die keiner kennt. Aber auch bei großen Banken in der Frankfurter City. Philip steckt in einer prekären Situation. Seinen Job muss er ständig wechseln, Einsatzzeiten richten sich nach den Erfordernissen der Auftraggeber, gut bezahlt wird er durch seinen Vermittler nicht. Arbeitnehmerüberlassung im Zeitalter 4.0. Arbeitnehmer 2. Klasse. Und all das, weil Philips Vita in Deutschland einfach nicht überzeugt. Denn Philip ist nicht nur Jobhopper, sondern auch Abbrecher. Aufgewachsen in Saudi Arabien, kam er mit 12 Jahren nach Deutschland. Besuchte das Gymnasium, machte das Abitur. Er entschied sich, Architektur zu studieren. Und Informatik. Das eine Studium in Mainz, das andere in Darmstadt. Irgendwie bekam er es nicht auf die Reihe. Und brach ab. Beide Studiengänge. Bei den Architekten hätte er es fast bis zum Bachelor geschafft.

Philipp arbeitet mal hier, mal da, in Zeitarbeit. Da IT-Fachkräfte stark gesucht werden, sehen die Arbeitgeber schon mal über den fehlenden Abschluss hinweg. Die Aufgaben sind allerdings nur mäßig spannend und unterhalb seiner intellektuellen Möglichkeiten. Dabei könnte Philip so viel mehr. Sein Englisch ist richtig gut. Und er sagt: „Mich faszinieren architektonische Welten. Genauso kann ich mich für alles begeistern, was mit Computern zusammenhängt. Und ich lerne gerne. Alles Arabische begeistert mich, gutes Essen sowieso, Polen finde ich auch toll, ebenso Frankreich, billige, alte Autos, die repariert werden müssen. Aber mich festlegen? Das kann ich nicht!“ Am liebsten springt er von einem Punkt zum nächsten. Ein bisschen wie ein Kind, dessen Aufmerksamkeitsspanne auch überschaubar ist. Dafür ist die Begeisterung umso größer. Philip kann sich eben für Vieles begeistern, unterschiedliche Menschen, Bauten, Länder, Herangehensweisen, Methoden.

So viel schlummerndes Potenzial
Manchmal fühl er sich wie ein Versager: Er hat so viel mentales Potenzial, arbeitet aber in einer Position, die unterhalb seiner Möglichkeiten liegt. Die ihn nicht wirklich ausfüllt und wenig Geld bringt.

Philip verspürt keine Berufung, hat keine berufliche Vision. Er interessiert sich einfach für zu unterschiedliche Dinge. Die Zahl derer, denen es an der einen, großen Berufung fehlt, ist groß. In unserer heutigen Zeit, die eine Unzahl von Wahlmöglichkeiten für uns bereithält und in der die Wege nicht traditionell vorgezeichnet sind, gibt es viele solcher Multi-Potenzialisten wie Philipp. Es ist ein Merkmal unserer Zeit, das erkannte die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn schon in den 90ern in ihrem Popcorn-Report, dass wir 99 Leben auf einmal leben wollen.

Wer alles macht, macht nichts richtig?
Aber wer alles macht, macht nichts richtig. Oder? Dass wir so denken, hat seine Gründe. Eine Gemeinschaft lebt von den Beiträgen jedes Einzelnen. Feste Aufgaben, eine klassische Arbeitsverteilung. Spezialisierung und Leistung, beides in Geldwerten gemessen, versprechen einen festen Platz im Gefüge. Gerade Menschen mit vielen Interessen wachsen daher mit Selbstzweifeln und niedrigem Selbstbewusstsein auf. Sie fühlen sich schuldig, weil sie ihren angestammten Platz nicht finden, sich nicht entscheiden können. Multipotenzialisten sehnen sich danach, endlich erwachsen zu werden, um endlich die Antwort auf die Frage zu finden: Was willst Du denn mal werden, wenn Du groß bist?

Hilfe, wo geht’s lang?
Für Menschen, die sich für Vieles begeistern können und sich für die unterschiedlichsten Dinge interessieren, ist es schwierig, unbeirrt einen geraden Weg zu gehen. Es gibt einfach zu viele Abzweigungen. Und so kommt die Frage nach dem Sinn viel häufiger auf als bei Menschen, die keine Probleme damit haben, sich festzulegen. Jeder Schritt wird zur Abzweigungsmöglichkeit, die eigene Identität zu etwas Verschwommenen. Schwierig für einen selbst, schwierig auch für die anderen. Wir brauchen Kategorien, Schubladen, in die wir Menschen gedanklich einsortieren können.

Aus systemischer Sicht ist eine solche lineare Denkweise allerdings fragwürdig. Wer dazulernen will, muss sich auf Neues einlassen können. Und sich manchmal auch von Altem trennen. Wer sich erneuert, muss sich auch dekonstruieren. Sehen, was unter dem steckt, was uns vermeintlich ausmacht. Diese Schau nach innen, das genaue Hinsehen ist nicht einfach, unbequem und kann Angst machen. Aber auch frei. Was übrig bleibt, ist das Wie und nicht das Was. Wie will ich sein als Mensch? Wie will ich arbeiten? Wie mein Geld verdienen? Wie will ich wohnen? Wie will ich meine Freunde behandeln?

Wer bin ich, und wenn ja: Wie viele?
Auch Philip kann ruhig so vielfältig bleiben wie er ist. Wir sind ohnehin immer viele, wie schon der populäre Philosoph Richard David Precht in seinem Bestseller „Wer bin und wenn ja, wie viele?“ erkannte. Assistent, Vorgesetzter, Vater, Bruder, Sohn, Partner. Psychologen sprechen von einem dialogischen und pluralen Selbst. Die Hirnforschung hat den freien Willen des Menschen zur Illusion erklärt. Der renommierte US-amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga legt dar, warum das "Ich" ein Märchen ist, das das Gehirn sich selbst erzählt. Und er beschreibt, wie dennoch Freiheit und Bewusstsein entstehen: nicht im einzelnen Gehirn, sondern im Miteinander von Gehirnen. Es sind Sprache, Kultur und Moral, die uns zu Bewusstsein und unserem "Selbst" gelangen lassen. „Das Ich ist eine Illusion“, folgen wir Gazzanigas Vorstellung. Und wir können alles sein.
Es gibt zahlreiche Menschen, die bekennende Multipotenzialisten, bunte Zebras sind. Und stimmige Strategien für ihren Alltag gefunden haben. Eines steht für sie fest: Den einen Weg gibt es nicht. Manche gehen einem anspruchslosen Job nach, der ausreichend Energie lässt, um ihre Interessen nach Feierabend auszuleben. Andere haben sich für zwei Teilzeitjobs in verschiedenen Bereichen entschieden, andere haben eine Tätigkeit gefunden, in der sie verschiedene Rollen einnehmen, oder finden alle paar Jahre eine neue Beschäftigung.

Wir alle sind nie fertig werdende Alleskönner
Dass Multipotenzialisten keine Spezialisten werden, kann ein Vorteil sein. Der Neurobiologe Gerald Hüther schreibt in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“: „Weil sich unser Gehirn langsamer entwickelt als das etwas das von Affen, ist es leichter von externen Faktoren beinflussbar. Mit einem solchen langsamer ausreifenden Gehirn „kann man dann zwar nichts besonders gut, aber alles ein bisschen“. Ein bisschen laufen, ein bisschen schwimmen, ein bisschen klettern. Dafür lernt das menschliche Gehirn zeitlebens dazu, sagt Hüther. Und deshalb sind wir langsam ausreifende, nie richtig fertig werdende Alleskönner. In dem ungestillten Bedürfnis nach Wachstum sieht der Forscher den Kern unserer Spezies: „Wir sind die einzigen Lebewesen, die etwas für wichtig halten können, was in Wirklichkeit weder für das eigene Überleben noch für die eigene Reproduktion gebraucht wird. Kunstwerke etwa, zum Mond fliegen, Poesie, der Wuchs einer Pflanze.“

Je unterschiedlicher die Mitglieder, je erfolgreicher ist ein Team
Wann immer wir uns Neuem aussetzen, entstehen in unserem Gehirn neue Nervenbahnen. Je mehr Wege wir schaffen, desto größer wird unsere Problemlösungskompetenz und Kreativität. Und die ist in der heutigen Zeit gefragter denn je. Laut LinkedIn steht Kreativität an erster Stelle vor Soft Skills, die sic Personaler 2019 wünschen.
Und Multipotenzialisten haben die kreative Fähigkeit, mit Leichtigkeit Ideen (Menschen, Projekte, Unternehmungen…) gedanklich miteinander zu verknüpfen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, und schaffen so neue Möglichkeiten.
Die besten Teams bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und unterschiedlichem Geschlecht und einer Mischung aus Generalisten und Spezialisten. Aus Menschen, die ihre Perspektiven einbringen und aus solchen, die alles verbinden können. In einer global agierenden und digital vernetzten Welt und den sich ständig ändernden Gegebenheiten wird die Fähigkeit zur Interdisziplinarität immer wichtiger.

Multipotenzialisten, die bunten Zebras, lernen schnell, sie können sich schnell anpassen, in verschiedene Themen und Menschen eindenken und behalten das große Ganze im Blick. Lösungsorientiertes out-of-the-box Denken, das Zusammenfassen von zwei oder mehreren Ideen zu etwas völlig Neuem, das sind absolute Stärken der bunten Zebras. Sie können in sehr komplexen Zusammenhängen denken - wie echte Systemiker*innen.Auch sich selbst erfahren sie als komplexes Gebilde. Ihre größte Herausforderung: Zu verstehen, dass es kein Ankommen gibt. Warum sich also nicht jeden Tag für etwas Neues, etwas Anderes begeistern?

(CD)