Neulich, im Workshop:

Die Sache mit dem Schuh

Systemiker und Systemikerinnen nutzen gerne die Bedürfnisse des somatischen Lerntyps in den Weiterbildungen, Seminaren und Workshops. Dieser „Lerntyp“ möchte gern etwas be-„greifen“, anfassen, sich bewegen, sich im Tätigen selbstwirksam wiederfinden. Lerntheoretisch ist dieser „Typ“ auch unbedingt sofort bei Beginn der Veranstaltung abzuholen. Unterlässt der Dozent, bzw. die Dozentin das, besteht die Gefahr diesen „Typ“ zu „verlieren“.Bestens geeignet für den Anfang sind kleine Aufstellungen. Der somatische Lerntyp wird damit umgehend zufriedengestellt, denn, wie der Name schon sagt, dürfen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich nach ihrem ersten Kaffeeschluck wieder aus den Stühlen erheben.

Das Ganze fällt unter den Begriff „Systemische Aufstellungsarbeit“. Diese geht überwiegend auf Virginia Satir zurück, fand in den Auftritten von Bernd Hellinger eine umstrittene Ausprägung und ist selbstverständlich Gegenstand unserer Weiterbildung.

Im Prinzip lässt sich natürlich alles Mögliche und Unmögliche aufstellen. Ein Beispiel – und das löst stets Heiterkeit aus – ist eine verdeckte Skalierungsfrage: Die Teilnehmenden sollen sich nach Schuhgrößen aufstellen. Die meisten von ihnen glauben im ersten Moment, noch ein wenig schlaftrunken, nicht richtig gehört zu haben. Wenn der Dozent jedoch betont, dass es sich um eine recht ernsthafte Sache handelt und damit die Verstörung steigert, lassen sich die meisten auch gerne darauf ein. Sie kommen untereinander ins Gespräch. Dann stehen im Halbkreis ganz links die Kleinfüßler/innen, ganz rechts die Großfüßlerinnen. Ziel ist zu klären, ob die Kleinfüßler mit den Grossfüßlern wohl in der folgenden Zusammenarbeit klarkommen werden, und wie es der tragenden Mitte mit den linken und rechten Rändern geht. Wenn alle fröhlich zugestimmt haben, kann der Tag also beginnen. Alle Vorurteile sind ausgeräumt.

Füße sind eine ernsthafte Angelegenheit

Nun sind Füße als Thema eigentlich eine ernsthaftere Angelegenheit. So sind Füße die Organe, mit denen wir unmittelbar in die Welt gestellt sind. Sie verfügen über rd. 70.000 Nervenenden und könnten uns so einiges über die Welt mitteilen, wenn wir sie denn lassen würden. Dagegen packen wir sie ein Leben lang ein und lassen sie nur selten zu Wort kommen, puffern den Kontakt zur Erde regelmäßig und dauerhaft ab. Zahlreiche Metaphern ranken sich um unsere Füße und die Art und Weise , wie wir über sie eine Beziehung zur Welt herstellen, oder aber verunmöglichen. So „leben wir auf großen Füßen“, wird uns „der Boden unter den Füßen weggezogen“, „andere stehen mit beiden Beinen“, fühlen sich „geerdet“. Die Bitte, sich nach der Schuhgröße aufzustellen, öffnet eine Fülle metaphorischer Möglichkeiten, spaßiger, kabarettistischer, aber auch ernsthafter Natur. Und spätestens seit ein amerikanischer Präsident während einer Pressekonferenz mit einem Schuh beworfen wurde, wissen wir auch, dass Schuhe in unterschiedlichen Kulturen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben.
(Verfasser: Claus Triebiger)

 Aufstellungsarbeit: Die Sache mit dem Schuh