Nachlese zum Workshop am 9. März in Frankfurt

Die Stärkung der Resonanzsensibilität im Coaching

Zum Workshop fanden sich diesmal ausgewiesene Expertinnen und Experten ein. Das mag an der Ausschreibung gelegen haben, die ankündigte, dass man gemeinsam darüber diskutieren wolle, inwieweit Aspekte der Resonanztheorie Hartmut Rosas in ein Coachingkonzept integrierbar wären. Ich empfand es als sehr fruchtbar, dass sich 12 Leute einfanden, um diese Frage mit allem Humor, aber auch mit aller Ernsthaftigkeit zu diskutieren.

Kurz-Vorstellung der Resonanztheorie Hartmut Rosas
Es wurde zunächst in aller gebotenen Kürze die Resonanztheorie Hartmut Rosas vorgestellt. Basierend auf dem von Rosa identifizierten Beschleunigungszirkel, bestehend aus technischer Beschleunigung, sozialer Beschleunigung und der Beschleunigung des Lebenstempos, diskutierten wir, ob es an diesen Beschleunigungsstrukturen liegen könnte, wenn Scheidungs-, Burn-Out,- und Depressionsraten stetig steigen. Ganz offensichtlich lassen sich diese Phänomene auch als Verlust der Beziehungen zur Welt deuten, als Verstummen der Welt. Der Verlust von Resonanzsensibilität ist demnach Kennzeichen der Spätmoderne.

Nichts verändert sich mehr außer der Veränderung
Würde sich der sich selbst verstärkende Beschleunigungszirkel immer weiter beschleunigen, bestünde die Gefahr des „Rasenden Stillstandes“, in dem sich nichts mehr verändert, außer der Veränderung. Es lassen sich dann keine festen Stand-Punkte mehr finden, keine Kontinuitäten mehr aufbauen, keine Stabilitäten mehr installieren. Es ist ein Phänomen, das in ähnlicher Weise schon einmal als „rutschende Abhänge“ bezeichnet wurde. Es kann sich keine Identität mehr formen, Identitäten werden rasch, je nach Notwendigkeit geändert. Völlige Entfremdung, so Rosas Befürchtung. Entfremdung von sich selbst, von anderen Menschen, von Raum, Dingen, Zeit, könnte die Folge sein.

Deshalb gehe es darum, Resonanzsensibilität wieder durch die Wiederherstellung intakter und sprechender Weltbeziehungen zu stärken.

Nun ist „Coaching“ eine zielneutrale Begleitung einzelner Personen oder Gruppen. Verlust an Resonanzsensibilität käme einer Diagnose gleich, die ein Coaching eigentlich ausschließt, da die Wiederherstellung stabiler Resonanzachsen der Zielneutralität des Coachings widerspricht.

Resonanz im Sinne von Hartmut Rosa ist mehr als ein bloßes Aufeinander-Reagieren. Sie umfasst ein sich gegenseitiges Berühren und Bewegtsein, ein sich gegenseitig Verändern, getragen von Selbstwirksamkeitserwartung- und erfahrung, einem intrinsisches Interesse aneinander, ausreichend Geschlossenheit, um eine eigene Stimme finden zu können, ausreichend Offenheit, um die Stimmen anderer tatsächlich wahrzunehmen. Es ist ein überaus komplexer Begriff und wird häufig mit einfachen „Echoerfahrungen“ verwechselt.

Wiederherstellung der Resonanzsensibilität: Unterbrechung des systemischen Beschleunigungszirkels
Dort, wo Menschen regelmäßige Resonanzerfahrungen erleben, wo sie sich stabilisieren, spricht Rosa von Resonanzachsen. Entlang dieser „Achsen“ (Familie, Freundschaft, Politik und Demokratie, Arbeit, Verein, Konsum, Kunst, Natur, Geschichte, Religion, Spiritualität, Konsum) könne nun durch verschiedene Methoden Resonanzsensibilität erzeugt bzw. wiederhergestellt werden. Dies würde den systemischen Beschleunigungszirkel unterbrechen können.
Beobachtet habe ich als Dozent mehrere Argumentationslinien. Zum einen diejenige, dass es eigentlich kein Individuum gibt, sondern ein Individuum sich grundsätzlich nur durch Wechselwirkungen mit anderen Menschen formiert und eine auf ein Individuum bezogene Resonanztheorie nicht so prickelnd sei. Dann fanden einige Teilnehmerinnen die Idee, die Wiedererlangung einer Weltbeziehung als Coaching-Thema aufzugreifen richtig „Klasse“ und wieder andere waren sich noch unsicher, meinten aber, man könne einmal darüber nachdenken.

Das Schöne an dieser Veranstaltung für mich als Dozent war die Lebhaftigkeit, das Interesse und die Beiträge der Teilnehmer*innen. Vor allem aber genoss ich sehr, dass meine Bitte, so gut wie möglich eine angst- und konkurrenzfreie Atmosphäre herzustellen, auf fruchtbaren Boden fiel. Zum Schluss des Workshops fiel es den Teilnehmenden schwer auseinanderzugehen. Lange noch wurde beisammengestanden und wurden die Diskussionen fortgesetzt.
Wir werden also Elemente der Resonanztheorie im Sinne Hartmut Rosas in die Coachingausbildung aufnehmen.

Beschleungigungszirkel nach Hartmut Rosa

Beschleunigungszirkel

 

Autor: Claus Triebiger