Nachlese zum Workshop am 18.4.2018: "Grundlagen Systemische Beratung und Therapie"

Die Systemische Haltung im Beratungssetting

Am 18.4. fand unter Leitung von Matthias Baumgärtner der offene Workshop „Die systemische Haltung im Beratungs-Setting“ in Wiesbaden statt, der gleichzeitig Auftakt der Weiterbildung „Systemische Beratung und Therapie“ war. 17 Teilnehmende trafen sich, acht von ihnen hatten sich bereits zu den ein- bis dreijährigen Weiterbildungsangeboten angemeldet. Eine gemischte Gruppe also, mit unterschiedlichen Erwartungen und beruflichen Hintergründen aus dem sozialen Bereich, der freien und auch der Kreativwirtschaft. Trotz aller Unterschiedlichkeiten haben die angehenden Systemischen Berater*innen und Therapeut*innen ein gemeinsames Ziel: Sie wollen ihre Beratungs- und Handlungskompetenz weiter professionalisieren.

Hypothesen öffnen Denkräume
Auf dem Programm stand zunächst ein systemisches Kennenlernen der Teilnehmenden untereinander. Dafür sollten sie ihren jeweiligen Sitznachbarn vorstellen, ohne mit ihm/ihr vorher gesprochen zu haben. Stattdessen wurden Hypothesen gebildet: Welchen Vornamen hat die Person? Welchen Beruf, welches Hobby übt sie aus? Welche Charaktereigenschaft kennzeichnet sie, und welche Beratungs-Ressource bringt sie mit?
Dabei sollten Zuschreibungen vermieden und stattdessen Formulierungen wie „Ich könnte mir vorstellen, dass …“, „Es könnte sein, dass …“ benutzt werden. Sinn und Zweck der Übung unter anderem, so Baumgärtner: „Mit den Hypothesen wollen wir neue Denkräume öffnen.“

Wow, der traut mir das zu!
Und in der Tat löste die Hypothesenbildung in der Gruppe etwas aus: Es fielen Kommentare wie: „Ich bin verblüfft, wie zutreffend manche der Vermutungen doch sind“. Und dort, wo die Hypothesen nicht zutrafen, lösten sie einen Nachdenk-Prozess aus oder regten zu einer neuen Sicht auf sich selbst an.
Gleichzeitig schulten die Teilnehmenden durch die Hypothesenbildung eine wichtige systemische Grundeinstellung: die Wertschätzung. Matthias Baumgärtner merkte anerkennend an: „Alle haben sich wertschätzend geäußert!“. Dabei wurde die Haltung der Ressourcen-Orientierung deutlich – ein weiterer zentraler Aspekt in der Beratung. Baumgärtner: „Man hätte ja auch nach der persönlichen Macke fragen können!“ Stattdessen fühlten sich die Teilnehmenden angenehm überrascht: „Wow, der traut mir das zu!“

Zirkularität

Auch weitere Beispiele systemischen Denkens und Handelns konnten durch die systemische Vorstellungsrunde bereits eingeübt werden, so zum Beispiel Zirkularität: Was sagt uns der Kontext, wie nehmen wir ihn wahr? Die für eine gute Beratung wichtige Eigenschaft des Beobachtens, des genauen Hinschauens und dabei auch Kleinigkeiten wahrzunehmen, gelang der Gruppe ausgesprochen gut. Baumgärtner lobte wertschätzend: „Toll, was alles wahrgenommen wurde!“

Im weiteren Verlauf des Workshops bearbeiteten Matthais Baumgärtner und die Gruppe verschiedene Aufgabenstellungen, z. B.:

• Erläutere den Sinn und Zweck einer systemischen Weiterbildung in einer geselligen Kneipenrunde!
• Wie können Perspektivwechsel eingeleitet werden? Wie vermeidet man Schubladendenken?
• Was sind wesentliche Bestandteile des systemischen Denkens und Handelns?
• Begriffsdefinitionen zum systemischen Ansatz
• Systemische Fragetechniken: „Wofür könnte das Verhalten des Klienten gut sein?“ „Hat schon mal jemand an einen Burnout untervermietet?“. (Durch Hypothesenbildung und Externalisierung regt der Fragende zu neuen Sichtweisen an, es wird Distanz zum Problem geschaffen, der/die Betroffene kann interagieren und gewinnt dadurch die Fähigkeit, an seinen Symptomen zu arbeiten und in die Selbstwirksamkeit zu gelangen.)

Anhand eines konkreten Fallbeispiels zu einem Klienten mit der Diagnose 'Burnout' veranschaulichte und visualisierte Baumgärtner die Unterschiede zwischen einem linear-kausalen und einem zirkulär-konstruktivistischen Weltbild.

Mit einen Filmbeitrag wurde der Denkansatz des Konstruktivismus vorgestellt, der vielleicht grundlegenste Haltungsaspekt Systemischen Denkens. Dabei wird herkömmliches Denken bewusst in Frage gestellt – ausgehend von der Sichtweise, dass Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren. „Was ist schon falsch, was richtig?“, „Es könnte so, aber auch ganz anders sein.“, „Das Problem ist die Lösung“ - diese Fragestellungen können und sollen zu einer Erweiterung der Wahlmöglichkeiten bzw. Optionen und zu neuen, selbstwirksamen Sichtweisen für Klient*innen führen.

In einer weiteren Einheit lernten die Teilnehmenden in einer Übung 'auf der Spitze des Eiffelturms' dann noch die Vorgänge und Wirkungen in Systemen kennen. Dabei erspürten sie unter anderem die Spannung zwischen Selbsterhaltungsbestrebungen des Systems ('Autopoiese') und eigenen Bedürfnissen. Und: Wenn eine Person sich oder ihre Position verändert, hat das Auswirkungen auf alle anderen im System.

Den Abschluss des Workshops bildeten schließlich Fragen der Teilnehmenden zu den Weiterbildungsangeboten des Systemischen Zentrums sowie eine Feedback-Runde, überschrieben mit dem Frage:

„Welche Ideen nehme ich heute mit?“

Beispielhafte Aussagen waren:

• Die Hypothesenbildung fand ich total spannend!
• Mir ist bewusst geworden,wie sehr man dazu neigt, Dinge zu bewerten. Ich freue mich darauf, meine eigene Haltung überarbeiten zu können.
• Meine Schwäche ist meine Stärke. Ich überlege mir, mich für die einjährige Weiterbildung anzumelden.
• Ich hab‘ Bock drauf!
• Alles kann, nichts muss.
• Ich nehme „Wegbegleiter“ als Wort mit.
• Die Deutungshoheit liegt beim Klienten: Daran will ich arbeiten!