Nachlese zum Infotag am 7. Dezember 2017 in Wiesbaden

Vom mechanistischen zum systemischen Weltbild

In diesem Workshop, der am 7. Dezember am Wiesbadener Seminarstandort des Systemischen Zentrums stattfand, ging es für die 13 Teilnehmenden darum, gemeinsam mit Dozent Claus Triebiger die Unterschiede zwischen einem linear-kausalen und einem systemisch-zirkulärem Weltbild kennenzulernen und herauszuarbeiten.

Claus Triebiger kennt sich aus mit unterschiedlichen Welten: Der Systemische Coach und Organisationsentwickler  hatte ursprünglich eine Ausbildung zum Speditionskaufmann  absolviert, bevor er sich seinem Studium der Erziehungswissenschaften, Politik und Chinesisch zuwandte und zeitgleich  in einer Anwaltskanzlei arbeitete.  In den sozialen Bereich gelangte er über die Beratung  straffällig gewordener Frauen. Letzten Endes gründete und leitete er eine Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle. 

Im Workshop stellt er zwei stark polarisierende Weltbilder vor: Zum einen das von systemischen Ausgangsideen geprägte Weltbild:
• Der Mensch ist von Natur aus friedfertig, in seinem tiefsten Innern ist er nicht grausam.
• Der Mensch zeigt Emotionen, ist mitfühlend.
• Jeder Mensch birgt einen göttlichen Funken in sich (so Virginia Satir in einem Interview).
• Jeder Mensch strebt nach Harmonie.
• Jeder Mensch birgt Ressourcen in sich.
• Menschen sind  soziale Wesen
• Gott ist eine Frau.
• Kooperation ist die treibende Kraft für Fortschritt.

Zum anderen das von mechanistischem  Denken beherrschte Weltbild:
• Der Mensch ist böse (Konrad Lorenz).
• Der Mensch ist das Gegenteil eines sozialen Wesens. Er ist ein Egoist (Milton Friedman).
• Menschen brauchen eine strikte Führung.
• Menschen müssen kontrolliert werden.
• Wenn Menschen in eine Katastrophe geraten, fallen sie übereinander her.

Entsprechend dieser beiden stark polarisierten Bilder ist die Stimmung in der Gruppe; es entwickeln sich viele, lebendige Diskussionen. Ein Teilnehmer äußert sich kritisch mit den Worten: „So schwarzweiß ist die Welt nicht, in der wir leben – es gibt schließlich eine soziale Marktwirtschaft.“ Eine andereTeilnehmerin ist hingegen von der gebotenen Themenvielfalt begeistert und kann viele inspierende Impulse für sich mitnehmen. Viele der Anwesenden, meistenteils junge Sozialarbeiter*innen, gefällt die Utopie-Vorstellung eines menschlichen Miteinanders, das ihrem Selbstverständnis und dem Verständnis ihrer Arbeit mit Menschen viel eher entspricht als das Weltbild der Hierarchie, Macht und Zerstörung.

Um Klischees der Polarisierung zu vermeiden und zwischen solch unvereinbar wirkenden Polen wie  Konkurrenz vs. Kooperation zu vermitteln, verweist Triebiger noch auf das Konzept des „inneren Teams“ –  einer Idee, die ursprünglich von  Virginia Satir ausgearbeitet und später von Friedrich Schulz von Thun adaptiert wurde. Demnach könnten Menschen über nicht nur zwei (wie noch beim alten Faust), sondern über 10 bis 15 innere Stimmen verfügen. Ein komplettes inneres Team also, mit unterschiedlichen Rollen und Positionen zwischen den jeweiligen Polaritäten. Das innere Team einzuberufen und zu befragen, ist dann eine Methode des Umgangs mit der inneren und auch widersprüchlichen Stimmenvielfalt.

In der Arbeit mit Klienten sei es wichtig, ihnen einen „gesunden Egoismus“ mitzugeben, gibt Triebiger der Gruppe abschließend mit auf den Weg. „Egoismus aber auch Gutmenschentum, wird erst dann toxisch, wenn es zum alleinseligmachenden Weltbild erhoben wird“, erläutert er. Abschließend appelliert Triebiger an die Teilnehmenden: „Wir müssen genau hinsehen, wenn wir mit Menschen arbeiten wollen. Arbeit mit Menschen bedeutet meistens Arbeit mit Komplexität." Es sei unabdingbar, mit Möglichkeitsfeldern arbeiten zu können. Nötig sei dazu, vom zwölfischen, schnellen Denken (=strikt linearem Denken) wegzukommen, im Wissen aber, dass die 12 möglicherweise genau die richtige Lösung sein könnte. Sein Fazit: „Wir müssen unsere Möglichkeiten erweitern können, wir müssen sie praxistauglich wieder verengen können. Diese Grundgedanken wehen noch heute von den einstigen kalifornischen Terrassen herüber und stehen am Anfang aller systemischen Wege.“