Nachlese zum Fachtag "Erziehung in der Eltern-Kind-Bindung":

Ist es tatsächlich Zeit für etwas Neues?

Frankfurt. „Ist es tatsächlich Zeit für etwas Neues“: Dieser Frage ging das Systemische Zentrum der wispo AG am 27. Oktober im Rahmen des Fachtags „Erziehung in der Eltern-Kind-Bindung“ auf den Grund. Katharina Weiner, Leiterin von familylab Österreich und persönliche Assistentin des renommierten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, erarbeitete mit den Teilnehmenden, wie das System Familie miteinander wirkt und wie jedes Familienmitglied das bekommt, was es braucht.

Was macht eine Familie aus?
Als Kind, erklärt Weiner, betrachtet man die Familie als etwas Selbstverständliches. Erst später beginne man, zu vergleichen: „Was das eine gute Familie für mich?“ Betreibt der Einzelne dann innere Forschungsarbeit, so stellt er womöglich fest: „Ich bin meinen Weg ganz alleine gegangen, ich habe keine Rückmeldung bekommen, konnte mich keinem anvertrauen“, sagt Weiner. Familie sei das, was zwischen den Mitgliedern passiert. Und fühle sich so an, wie die Qualität des Umgangs miteinander ist.

Gesehen, gehört und geliebt: Grundbedürfnisse von Kindern
Gesehen, gehört und geliebt zu werden: Dies sind die Grundbedürfnisse von Kindern. „Kinder kommen fertig auf die Welt, nicht so, wie wir sie wollen“, betont Weiner. Intuitiv wolle jeder, dass es dem Kind gutgeht. Wie der Liebe Ausdruck verliehen werden kann, sei allerdings nicht immer einfach. „Gerade Menschen, die selbst keine Familie gespürt haben, brauchen manchmal eine Anleitung“.

Miteinander, nicht übereinander!
Das Verhalten eines Kindes macht aus seiner Sicht immer Sinn, erläutert Weiner. Allerdings reagiere es manchmal verzögert. „Grundsätzlich können sich Kinder in Erwachsene sehr gut einfühlen. Sie spüren ganz genau: Die Mama lächelt, aber es geht ihr schlecht. Und das ist nicht stimmig.“ Es sei wichtig, den Kind gegenüber zu äußern, wie man sich gerade fühlt, das führe zum Austausch. Weiners Appell an Eltern: „Sprecht miteinander, nicht übereinander. Verinnerlicht Ich-Botschaften.“ Die Expertin rät Eltern außerdem, jedes schwierige Verhalten als Einladung zu verstehen, sich in die Wirklichkeit ihres Kindes hineinzuversetzen. Erziehung bzw. die persönliche Entwicklung sind gegenseitige Prozesse, bei denen der Beitrag beider Parteien gleichsam bedeutend und wertvoll ist.

Mit Blick auf Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen erklärt Weiner, dass diese die gleichen Bedürfnisse wie alle Kinder haben. Und wie bei allen Kindern sei es wichtig, ihnen zu verstehen zu geben: ‚Du bist okay so, wie Du bist!‘. Weiner gibt zu bedenken: „Die Beeinträchtigung ist noch ein Familienmitglied!“ Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen  hatten einen „anderen Plan, deshalb brauchen sie unbedingt  Unterstützung, betont Weiner. Ein sehr wichtiger Punkt sei die Qualität der eigenen Partnerschaft, den Fokus zu öffnen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und „auch mal gemeinsam zu weinen“.

Sind Grenzen wichtig?
In vielen Erziehungsratgebern steht zu lesen: Kinder brauchen Grenzen. Nach Ansicht von familylab sind Grenzen wichtig und entwicklungsfördernd – wenn sie die eigenen Grenzen ausdrücken, anstatt das Kind einzugrenzen. Dafür werden persönliche und klare  Botschaften benötigt, wie z.B.:

  • Ich kann sehr wohl sehen, dass Du es lustig findest, das Essen auf den Boden zu werfen, aber mir gefällt das nicht.
  • Ich sehe, dass es Dir schwerfällt zu warten, aber ich will noch die Seite fertig lesen.
  • Ich bin traurig über den Brief von der Schule. Wie denkst Du selbst darüber?
  • Ich will nicht, dass Du mit meinem PC spielst!

 Kinder befassten sich sehr früh mit philosophischen Fragestellungen, z.B. dem Tod. Eltern sollten keine Scheu haben, ihren eigenen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, erläutert Weiner. „Denn wenn wir sagen, was wir fühlen, brauchen sie keine Verantwortung für unser Wohlbefinden zu übernehmen“, unterstreicht Weiner.

Kooperation der Kinder                                                                                                                                                                                                                               Grundsätzlich wollten Kinder kooperieren, sie handelten wie die Erwachsenen und ahmten sie nach. Aber oftmals reagierten sie spiegelbildlich: Sie kämpfen gegen das, was Erwachsene unterdrücken, oder sprechen es aus.

Was Kinder lieben                                                                                                                                                                                       Elterliche Führung bedeutet für Katharina Weiner, den Bedürfnissen, Wünschen, Reaktionen, Gedanken, der Individualität und den Träumen der Kinder Aufmerksamkeit zu schenken. Es gelte, alle Beteiligten ernstzunehmen und die Kinder in die Familie einzubeziehen entsprechend ihrer eigenen Erfahrung und Weisheit.

Abschied von der Perfektion                                                                                                                                                                                                                    Perfekt müssen Eltern nicht sein, sagt Katharina Weiner. Im Gegenteil: „Kinder lieben Eltern, die nicht perfekt sind und Fehler machen – mindestens 20 pro Tag!“. Was sie ebenfalls lieben, seine außerdem Eltern, die sich nicht immer einig sind – denn Kinder wissen Unterschiede zu schätzen. Ebenfalls zu schätzen wüssten sie, wenn Eltern ihre Bedürfnisse erkennen und nicht jeden Wunsch erfüllen. Kurzum: Kinder wollen Eltern, die ihnen das Gefühl vermitteln, geliebt, gehört und gesehen zu werden.

Im Anschluss diskutierten Katharina Weiner und die Kursteilnehmer*innen über den Themenkomplex „Die kompetente Familie: was Familien trägt“ und entwickelten dazu  gemeinsam einen Leitfaden für die Ausrichtung eines Elternabends in der Kita. Kita-Leiter*innen sollten sich demnach im Austausch mit den Eltern die eigene interpersonelle Kompetenz klarmachen und diese zum Ausdruck bringen, z.B. mit Aussagen wie: „Ich arbeite schon sehr/relativ lange mit Menschen jeden Alters“, „ich habe selbst Kinder“, „ich bin mit Geschwistern aufgewachsen“, „Ich bin verheiratet / in einer Beziehung / geschieden / alleinerziehend“. Eine weitere Möglichkeit sei es, Freunde ‚auszuborgen‘: „Ein befreundetes Paar hat sich getrennt“.

Ebenfalls vergegenwärtigen solle man sich die Erwartungen der Eltern, die sich von der Kita-Leitung Lösungsvorschläge, Sicherheit und Verlässlichkeit, Trost, Empathie und Verständnis sowie Orientierung erhofften. Als mögliche Satzanfänge, um mit den Eltern in den Dialog zu treten, wurden beispielsweise die folgende formuliert: „ Mir ist aufgefallen, „ich habe beobachtet“, „ ich brauche Ihre Hilfe, vielleicht verstehe ich etwas falsch“,  „ein Thema, das mich sehr beschäftigt ist, dass viele Kinder…“.

Der Fachtag endete mit einem abschließenden Rollenspiel in Form eines Dialogs  zwischen Katharina Weiner und einer Teilnehmerin zum Thema „Abgrenzung einer erwachsenen Tochter gegenüber ihrer Mutter“.

Literaturempfehlungen von Katharina Weiner:

Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie (Beltz)

Jesper Juul: 5 Grundsteine für die Familie. Wie Erziehung funktioniert (Kösel)

Jesper Juul: Familienberatung. Worauf es ankommt, wie sie gelingt (Kösel)

Elsebeth Jensen, Helle Jensen: Schule braucht Beziehung (Beltz)

Karen Güstrup: Sag mir die Wahrheit (Beltz)

 Außerdem interessant:

 Jesper Juul: Liebende bleiben (Beltz 2017)

Jesper Juul: Grenzen, Nähe & Respekt (Rohwolt 2009)

Jesper Juul: Aus Erziehung wird Beziehung (Herder 2007)

Jesper Juul: Dein kompetentes Kind (Rohwolt 2009)

Jesper Juul: Aggression (S.Fischer 2013)

Jesper Juul: Nein aus Liebe (Kösel 2008)

Jesper Juul: Unser Kind ist chronisch krank (Kösel 2005)

Jesper Juul: Essay – Wem gehören unsere Kinder (Beltz 2012)

Daniel J. Siegel: Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen (Arbor 2004)

Daniel J. Siegel: Aufruhr im Kopf (mvg Verlag 2013)

Prof.Dr.Gerald Hüther/Cornelia Nitsch: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden (GU 2008)

Jörg Maywald – Bernhard Schön: Krippen Wie frühe Betreuung gelingt (Beltz 2008)

Kinderbücher:

Nicola Bardola, Stefan Hauck, Mladen Jandric, Susanna Wengeler:

Mit Bilderbüchern wächst man besser

Susa Hämmerle: Kathi Königin der Schule

Dorothe Haentjes: Fiffi und die schönen Hunde

Gruppendynamische Literatur:

Lippmann: Intervision, kollegiales Coaching (Springer 2004)

Oliver König – Karl Schattenhofer: Einführung in die Gruppendynamik (Carl Auer Verlag)