Nachlese

Fachtag "Erziehung im schulischen Kontext"

Wiesbaden. „Erziehung im schulischen Kontext“ so lautete der Titel des Fachtags, den das Systemische Zentrum am 26. Oktober in der Dotzheimer Straße 61 in Wiesbaden veranstaltete. Ausgangspunkt des interaktiven Fachtags: Tagtägliche Konflikte, destruktives Verhalten, zermürbende Machtkämpfe mit schwierigen Kindern bedeuten für viele Eltern, Lehrer*innen und pädagogische Fachkräfte eine große Herausforderung. Doch Ungehorsam und Lernunwilligkeit haben, so der renommierte dänische Familientherapeut und Begründer des familylab international Jesper Juul, vor allem eine Ursache: Einen tiefgreifenden Beziehungskonflikt zwischen Erwachsenen und Kindern.  Durch den Fachtag führte Katharina Weiner, persönliche Assistentin von Jesper Juul und Leiterin von familylab Österreich.

 „Schule sollte ein Ort sein, an dem sich ein Kind entfalten darf“, sagte Katharina Weiner in ihrem Impulsvortrag, der den Auftakt des Workshops bildete. Dieser Gedanke sei allerdings relativ neu. Ursprünglich seien Schulen dafür gedacht gewesen, Kadetten auszubilden; die Schule sei kein Ort des Wohlfühlens gewesen. Auch heute gebe es wenig Möglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems, Einfluss zu nehmen  – in Deutschland herrscht Schulpflicht, in Österreich Unterrichtspflicht. Der Druck, der auf den Kindern lastet, sei immens.

Vom Gehorsam zur Verantwortung
Wie kann also der Weg weg vom Gehorsam und dem Erfüllen von Aufträgen hin zu der Idee, Kinder auf ihrem Weg zur Eigenverantwortung zu begleiten, gelingen? Katharina Weiner sagt: „Wir alle tragen die gleiche Würde in uns. Erwachsene haben mehr Lebenserfahrung, im Beruf und auch im Zwischenmenschlichen. Das können Kinder noch nicht haben. Aber sie können zusehen und lernen, aus dem Vorgelebten zu lernen.“ Wichtig sei es, dass es gemeinsame Regeln gibt: „Die Anleitung zu Eigenverantwortung bei Kindern ist ein langer Prozess.“

Qualität der Eltern-Kind- Beziehungen: Von Subjekt - Objekt zu Subjekt – Subjekt
Viele Eltern neigten dazu, so Weiner, ihre Kinder als Objekte zu behandeln: ‚Mein Kind darf erfahren, was ich nicht hatte, z.B. eine akademische Karriere.‘ Die Degradierung zum Objekt sei hart, denn es stellt sich die Frage, ob der elterliche Wunsch dem Kind überhaupt entspricht? Gleichzeitig gehe die Nähe zu den Eltern verloren. „Weil ein Kind grundsätzlich will, dass es den Eltern gut geht, macht es das, was von ihm gewünscht wird. Für das eigene Wohlergehen sind die Eltern aber selbst verantwortlich“, betont Weiner.

Der Konflikt zwischen Kooperation und Integrität
Erwachsene wie Kinder geraten täglich in Konfliktsituationen – z.B. muss morgens der Bus zur Schule oder zur Arbeit genommen werden, obwohl man doch so gerne ausschlafen will; die Mutter muss etwas für die Familie kochen, eigentlich hat sie aber gar keine Lust dazu. Im Konflikt zwischen Kooperation (sich anpassen, nacheifern, einordnen, Kompromisse eingehen) und Integrität (Selbständigkeit, Unantastbarkeit, Unverletzlichkeit, Eigenart) seien Kinder sehr verletzlich. Wenn sie von Eltern oder anderen Erwachsenen, denen sie sich verbunden fühlen oder von denen sie abhängig sind, unter Druck gesetzt werden, entschieden sie sich vorerst häufig für die Kooperation und riskierten dabei eine Beschädigung ihrer Integrität.

Weiner plädiert dafür, dass Eltern aufräumen sollten mit alten Überlegungen im Sinne von „wenn Du das machst, dann…“, um zu einer gleichwürdigen Subjekt-Subjekt-Beziehung zu gelangen. 

Dieser Anspruch gilt auch für die Beziehung zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen: Neben der pädagogischen und didaktischen Kompetenz komm heute der Beziehungskompetenz im schulischen Kontext eine große Bedeutung zu. „Aber was ist das? Eisessen? Spiele? Persönliche Gespräche?“, fragt Weiner. Die Antwort: „Beziehungskompetenz ist die Fähigkeit, ein Kind als Individuum wahrzunehmen, so wie es ist – und das eigene Verhalten darauf auszurichten, ohne die Führung abzugeben, sowie die Fähigkeit, authentisch in Kontakt zu sein.“

Was heißt authentisch?
„Eine Person, die authentisch ist, ist verlässlich, vertrauenswürdig, echt und lebt nach der eigenen inneren Führung, ohne dabei jemanden zu verletzen oder zu kränken“: So lautet die Definition von familylab Österreich. Kinder hätten eine feine Wahrnehmung dafür, ob sich Eltern oder Lehrer*innen authentisch verhalten. Weiner: „Wir haben unsere Muster. Wenn jemand einen Knopf drückt, rattern wir los. Und Kinder drücken viele Knöpfe. Denn sie wollen herausfinden: Wer ist die Person, mit der ich es zu tun habe?

Authentische Führung
Um Kinder auf eine gleichwürdige Art und Weise zu begleiten, werde eine Art der Führung benötigt, die selbst für Erwachsene neu ist: die authentische Führung. Und um Kinder authentisch führen zu können, sei ein guter Zugang zum eigenen Selbst nötig. Dabei gehe es weniger um die Qualität der Leistungen (=Selbstvertrauen als pädagogische Dimension, „ich kann“), als vielmehr um die existenzielle Dimension des eigenen Ichs (= Selbstgefühl/Selbstwert, „ich bin“) und die Fähigkeit, nach innen zu schauen und die eigenen Gefühle mitteilen zu können: Was will ich? Was mag ich? Und was nicht? Diese Fähigkeit erlaube einen reflektierten Blick auf sich selbst.

„Wir haben eine persönliche Verantwortung für unser Selbstgefühl und eine Verantwortung für das eigene Leben“, erklärt Weiner.  Aus dem Selbstgefühl entwickele sich dann die Verantwortung gegenüber anderen. In Mobbingsituationen fänden sich  häufig ein mangelndes Selbstwertgefühl, sowohl auf der Seite des Täters/der Täterin als auch auf der Seite des Opfers: Zwei schwache Positionen treffen  aufeinander. „Der Mobber sucht sich gerne ein Gegenüber, das auch nicht so fest im Leben steht“, so Weiner.

Im anschließenden interaktiven Workshop erhielten die Teilnehmenden Gelegenheit zu überprüfen, wie gut sie die eigenen Empfindungen wahrnehmen und diese in Worte fassen können. Sie tauschten sich rege zu folgenden beispielhaften Fragestellungen aus:

  • Worauf bist Du gar nicht stolz?
  • Was würde Dir Deine beste Freundin in Bezug auf Deine Familie raten?
  • Was brauchst Du, um Dich in einer Gruppe wohlzufühlen?
  • Was macht Dich zornig?
  • Was gefällt Deinem Freund an Dir?
  • Wann fällt es Dir leicht, Verantwortung für Dich selbst zu übernehmen?

In einer weiteren Übung diskutierten die Teilnehmenden Fragen wie: Kennen Sie Überkooperation? (Was spielt sich dann innerlich ab?), kennen Sie Verletzung der Integrität aus eigener Erfahrung?, kennen Sie Symptome der Verletzung? Zu den gemeinsam erarbeiteten Lösungsszenarien zählen: Darüber reden, Verbündete suchen, professionelle Hilfe suchen, Angebote wie Supervision oder Coaching in Anspruch nehmen, um Klarheit zu gewinnen.         

Konkrete Beispiele zu den zuvor diskutierten Themen rundeten den Tag mit Katharina Weiner ab:

  • Selbstvertrauen: Kinder machen oft die Erfahrung, dass sie nicht „gut genug sind“. Die Aussage wird zur allgemeinen Gültigkeit. Es ist harte Arbeit, diese negative Botschaft abzulegen. Das Problem: Was schlecht ist, da wird hingeschaut; die Wahrnehmung dessen, was schon da ist, fehlt dagegen.
  • Integrität: Erwachsene haben viel Fantasie, wie etwas sein sollte und warten die Rückmeldung des Kindes gar nicht erst ab. Dabei denkt das Gegenüber vielleicht einfach nur nach. Deshalb die Rückmeldung unbedingt abwarten!
  • Integrität versus Kooperation: Wie nehme ich die Kinder wahr? Wie mein Gegenüber? Vielleicht übernimmt das Kind sogar zu viel Verantwortung? Ihnen fällt es schwer, auszudrücken: Mir ist das jetzt zu viel. Sie haben die Sprache nicht dafür, sondern schreien, oder schlagen um sich. Für Erwachsene gilt: Es können Konflikte entstehen, wenn sie nicht gelernt haben, über die eigenen Gefühle offen zu sprechen. Wer auf die persönliche Ebene wechselt, agiert weniger  verletzend, sondern teilt mit: „So geht es mir.“ Wichtig ist es auch zu wissen, dass die eigene Grundstimmung auf das Kind abfärbt: „Das passt mir jetzt gar nicht, dass Du jetzt nicht mitmachst.“ Das Kind wird in der Regel übellaunig reagieren. Besser ist es deshalb, die eigene Befindlichkeit anzusprechen: „Mir geht es jetzt gerade nicht so gut. Es wäre toll, wenn Du mich unterstützen kannst.“
  • Entscheidungen: Es gibt Entscheidungen, die nur Erwachsene fällen können, z.B. wenn es ums Impfen geht. Diese dürfen nicht ans Kind abgegeben werden.
  • Überkooperation: Kinder geben sich auf, verlieren sich selbst. Sie übersteigen die eigenen Grenzen, Tag für Tag. Die Frage ist: Wie viel kann man von sich selbst aufgeben, nur um das Konstrukt aufrechtzuerhalten? Überkooperation mündet irgendwann in Erschöpfung, später im Burnout. Die Integrität wurde verletzt.
  • Auffälliges Verhalten:  auffälliges Verhalten bei Kindern bedeutet „Ich habe ein Problem. Kann mir bitte jemand helfen?
  • Spiegelverkehrte Kooperation: Kinder spüren die zugrundeliegenden Emotionen, auch wenn die Bezugsperson vorgibt, es sei alles gut. Sie kooperieren dann häufig spiegelverkehrt: Sie werden bockig, wütend oder unangenehm.

Der Fachtag endete mit einer Gesprächsrunde, in der die Teilnehmende eigene Anliegen nochmals thematisieren und vertiefen konnten. Das abschließende Fazit der Gruppe  lautete: „ Der Fachtag hat uns viele neue Impulse für unsere tägliche  Arbeit gebracht“

Katharina Weiner

Katharina Weiner, Leiterin von familylab Österreich und persönliche Assistentin von Jesper Juul