Kreative Interventionen in der Systemischen Beratung

Workshop in München

Das Systemische Zentrum führte in der letzten Zeit Veranstaltungen zum Thema „Kreative Interventionen in systemischer Beratung“ durch, die insgesamt hohes Interesse fanden. Trotz schönen Wetters und einem damit verknüpften Übergang in das Wochenende fanden sich viele Menschen aus den unterschiedlichen beruflichen Kontexten ein.

Immer wieder spannend für mich als Dozent ist vor allem bei thematisch weit angelegten Veranstaltungen die Frage, was denn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, zu den einzelnen Themen beitragen können.

Leitend ist also die Frage, wieviel ist da, was muss lediglich „aktiviert“, möglicherweise anders als sonst verknüpft oder unter neuen Blickwinkeln reflektiert werden? Und welche Ergänzungen sind dann noch nötig oder werden erfragt? Wie weit vorhanden ist sowohl bei mir als auch bei den Teilnehmenden die Fähigkeit, zwischen nützlichen und unnützen oder wenig brauchbarer Methoden zu unterscheiden?

Der Versuch einer Begriffsdefinition: Was ist eine Intervention?

Das Seminar in München begann mit der Frage eines Teilnehmers, wie wir Systemiker*innen den Begriff „Intervention“ definieren würden. Ich war mir zunächst unsicher, was ich auf diese Frage antworten sollte. Sollte ich eine Definition „liefern“, eine Diskussion überhaupt zulassen, die Frage einfach übergehen? Ich lag mit mir selbst im Zweifel: Eigentlich wollte ich zunächst keine Definition vorgeben! Aber nun?

Ich gab die Frage in die Kleingruppen zurück: „Was meint Ihr dazu? Wo und in welcher Form habt ihr in Eurem beruflichen Kontext gelingende Interventionen erlebt? Welche Schlüsse lassen sich aus diesen „Storys“ ziehen?

Da einige Systemiker*innen davon ausgehen (vielleicht auch noch als Echo auf Gregory Bateson 1978), dass Menschen in Geschichten denken, sollte je Gruppe mindestens eine Geschichte einer gelungenen Intervention erzählt werden. Gemeinsam würden wir dann herausdestillieren, um was es sich bei einer „kreativen Intervention“ nun handeln und welche Schlussfolgerungen wir für die Praxis daraus ziehen könnten.

„Platonische“ Erkenntnis: Wissen ist vorhanden, es muss nur ausgegraben werden

Was da an kreativen Interventionen heraus kam, war, gelinde gesagt, einfach wundervoll und zeigte wieder einmal, dass in einer größeren Gruppe von 20 bis 30 Menschen bereits fast alles angelegt ist, was es für professionelles Arbeiten braucht. Der gute alte Platon meinte einmal sinngemäß, dass in jedem Menschen das Wissen der Welt vorhanden ist. Ein Lehrender oder eine Lehrende ist dieser Auffassung zufolge jemand, der es fertigbringt, dieses Wissen auszugraben. (Kurzer Exkurs: Die Kunst der Fragestellung wurde von dem Tandem Sokrates/Platon in die Geistesgeschichte eingeführt (z.B. in dem Dialog Menon bezüglich der Wissensabfrage bei einem Sklaven zum Satz des Pythagoras), bekannt unter „sokratischem Dialog“).

Es ist hier leider nicht der Platz all die bewegenden und lehrreichen Fallerzählungen, die in den Kleingruppen zutage traten, weiterzugeben, eine aber möchte ich doch als Beispiel für eine von der Gruppe als kreativ definierte Intervention weitererzählen:

Der Weihnachtsbaum als Störenfried

In einer Wohneinrichtung für überwiegend unter der Diagnose „Autismus“ lebenden Menschen wurde ein Weihnachtsfest gefeiert und mitten im Speiseraum ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Der Baum stand auch ein wenig im Weg. Unter den Bewohnern und Bewohnerinnen entwickelte sich ein ziemliches Tohuwabohu bezüglich dieses plötzlich im Wege stehenden Gegenstandes, der dort einfach nicht dazugehörte und die Ordnung störte. Einige der Bewohner und Bewohnerinnen fingen auch an zu schreien. Ein Weihnachtsfest konnte damit nicht mehr stattfinden, der Baum wurde rasch wieder entfernt und die Lage beruhigte sich.
Das Team der Betreuer und Betreuerinnen diskutierte anschließend in einer Sitzung die Sachlage und überlegte hin und her, was man im nächsten Jahr machen könnte, um ein Weihnachtsfest mit einem Baum feiern zu können. Viele Möglichkeiten wurden erörtert, viele Thesen an die Flipchart gezaubert. Es brauchte auch mehrere Sitzungen.

Vorsichtige Annäherung: Der Weihnachtsbaum wandert von Monat zu Monat und von Stockwerk zu Stockwerk

Die Arbeitshypothese, für die sich das Team schließlich nach einem längeren Prozess entschied („versuchen wir es doch mal damit“), sah vor, dass ein Tannenbaum in einem Topf bereits im Sommer im Keller aufgestellt werden sollte. Monat für Monat sollte der Baum ein Stockwerk nach oben wandern, so dass sich die Bewohner- und Bewohnerinnen langsam an die Gegenwart eines durch die Stockwerke wandernden Baumes gewöhnen konnten. Im Dezember würde der Baum dann dort angekommen sein, wo er sein sollte. Es gab auch gegen diese Idee Gegenstimmen, wie das halt so ist, in Teams. Letzten Endes entschied sich das Team aber dann doch im Konsens, um irgendwie mal weiterzukommen. Auf den Baum zu verzichten, das kam überhaupt nicht in Frage.

Verwandlung: Der Weihnachtsbaum wird zum guten Kumpel

Es wurde so durchgeführt, ein Baum schon im Sommer im Keller platziert. Und tatsächlich, aus dem Dunkel des Kellers, ganz langsam hervorsteigend, wurde der Baum quasi als Mitbewohner akzeptiert und stand, ein Jahr später, wieder an jenem Platz, der so viel an Reaktionen ausgelöst hatte. Diesmal aber als guter Kumpel. Der Weihnachtsfeier mit Baum stand nun nichts mehr entgegen.

Umdeutung in der U-Bahn

Wir beschäftigten uns dann auch mit den üblichen Interventionsformen systemischer Prägung und probierten einige kleine Interventionen zwischendurch auch immer wieder an uns selbst aus.Beispielsweise die Simulation einer gemeinsamen U-Bahn-Fahrt, in deren Verlauf eine Theatergruppe interveniert oder das sich gegenseitige Wahrnehmen. Wir arbeiteten an der uralten Menschheitstechnik der Umdeutung, auf eine etwas erweiterte Art und Weise.

Abwandlung von Vorhandenem, Erfindung, behutsames Ausprobieren: das sind kreative Interventionen

Als Fazit konnten wir wohl gemeinsam ziehen, dass überall dort von „kreativen Interventionen“ gesprochen werden kann, wo vorhandene Werkzeuge und Methoden situationsangemessen abgewandelt oder eben auch neu erfunden und behutsam ausprobiert, anschließend evaluiert werden. Gegenstand ist immer eine Veränderung, eine Hilfestellung, eine Begleitung, oder auch Schutz. Die Einbeziehung des Zufalls bzw. dessen gezielte Erzeugung, die Arbeit mit Unberechenbarem, bzw. mit Unvorhersehbarkeit würde sich hier anschließen. Die Königsdisziplin kreativer Interventionen wäre schließlich, mit Überraschendem zu arbeiten, mit etwas den gewohnten Kontext sprengendem, mit etwas, womit niemand rechnet. Ich erzählte von einem Beispiel, in dem ein „Chef“ ein verstocktes Team mit einer Opernarie so sehr in „zärtliche Verstörung“ versetzte, so dass anschließend wieder Diskussionen möglich wurden.

Selbstorganisation versus Intervention

Auf der anderen Seite aber, so ein weiteres Ergebnis, wäre es auch kreativ zu entscheiden, wo möglicherweise Interventionen sich auch als schädlich oder störend erweisen würden. Förderlich, heilsam, weiterentwickelnd ist es in manchen Fällen möglicherweise auch eine Intervention zu unterlassen und auf die Selbstorganisations- bzw. Selbstheilungskräfte von Individuen und Systemen zu vertrauen. Das wiederum würde die Fähigkeit des Loslassens seitens der Berater und Beraterinnen erfordern.

Alles in allem, so zumindest beschreiben es die ersten schriftlichen Feedbacks, war es für alle, auch für mich als Dozent, eine inspirierende, nachdenklich stimmende. aber auch humorvolle Veranstaltung, aus der sich so einiges für die Praxis schöpfen ließ.

Vor allen Dingen das Wissen, dass die Welt glücklicherweise immer noch nicht zu Ende gedacht ist.

Claus Triebiger

(Bildnachweis: Suti Stock Photo by shutterstock.com)