Interview mit New Work Coach Sandra Kaul

„Wir brauchen individuelle Parameter, damit sich unser Leben in die Arbeit verlieben kann“

Sandra Kaul

Sandra Kaul, 37, ist New Work Coach und Geschäftsführerin von KIWIBLAU. Menschen, Teams und Organisationen, die sich im Wandel befinden, sind ihr Arbeitsfeld. Die Zukunft der Arbeit und viele damit verbundene Themen wie „agiles Arbeiten", „Co-Creation" oder „Remote Working" spielen für sie eine große Rolle. Sie erforscht mit ihren Coachees, wie Arbeit künftig gestaltet sein darf und was sowohl Arbeitgeber*innen als auch als Arbeitnehmer*innen dafür tun können, um ihre eigene #workliferomance aktiv zu gestalten – dazu mehr im Interview. Gemeinsam mit ihren Kollegen Robert Gmys und Marcel Wolf hat sie die 6 monatige Fortbildung „Systemic Counseling - Agiles Training (SCAT)“ entwickelt, die am 3. Juni 2019 in Berlin im Systemischen Zentrum (SZ) der wispo AG startet.

SZ: Frau Kaul, was ist das Besondere am Workshop „Systemic Counseling – Agiles Training? Und was ist das Neue und Einzigartige daran?

Sandra Kaul: Robert, Marcel und ich haben gemeinsam ein Training gestaltet, das die systemische Welt und die agile Welt integriert. Als Systemische Coach bewege ich mich ganz selbstverständlich in agilen Welten – ich werde von Unternehmen gebucht, die auf agile Techniken und Frameworks wie Kanban oder Scrum abstellen und ihre Organisation tiefgehend verändern wollen. Durch meine systemische Ausbildung 2011 am Systemischen Zentrum habe ich einen komplett anderen Blick auf Organisationen gewonnen, denn das Systemische Denken ist ein ganz eigener, sehr offener Denkansatz, der super zu den Ideen und Werten der Agilen Arbeit passt. Wir leben und arbeiten in komplexen Welten und niemand hat eine Kristallkugel, um in die Zukunft zu blicken. Das Systemische Arbeiten hat mich gelehrt, dass es wenig Sinn macht, diese Komplexität zu reduzieren, weil es uns besser in den Kram passt. Das funktioniert nämlich nicht. Diese Erkenntnis hilft wiederum in den Agilen Arbeitswelten: Systemisch denkende Menschen akzeptieren die Komplexität, arbeiten in überschaubaren Forschungsschritten – sogenannten Iterationen – und bleiben dabei fehlerfreundlich.

Unser Training soll eine Inspiration sein, diese beiden Welten intensiv kennenzulernen und zu verbinden. Das Systemische Zentrum gehört zu den führenden Systemischen Instituten Deutschlands und packt mit Robert, Marcel und mir drei Menschen an Bord, die sich fundiert mit den Agilen Arbeitsweisen auseinander gesetzt haben – ein Brückenschlag, der in dieser Professionalität bisher noch gefehlt hat.

SZ: Wer navigiert die Teilnehmenden durch das Training?

Sandra Kaul: Marcel Wolf, Robert Gmys und ich führen gemeinsam – je nach Kompetenzbereich – durch das Training. Durch diese Kombination aus zwei Trainern und mir als Trainerin gestalten wir ein einzigartiges Lernerlebnis. Marcel kommt aus der Welt der agilen Softwareentwicklung, ist aber auch in der systemischen Organisationsberatung zu Hause. Robert ist als Führungskraft in der IT bei Axel Springer ebenfalls mit einem profunden Wissen über agile Transformationen ausgestattet und kennt sich sehr gut mit Veränderungsprozessen in Organisationen aus. Und man hört es schon: Agiles Arbeiten hat massive Auswirkungen auf Kultur, Werte und Haltungen in einem Unternehmen. Und hier komme ich ins Spiel mit meiner systemischen Coaching-Erfahrung.

Frage: Wie wird agiles Arbeiten in der Praxis in Unternehmen und anderen Organisationen eingeführt?

Sandra Kaul: Agiles Arbeiten können wir nicht einfach so einführen, dazu brauchte es eine nachhaltige Auseinandersetzung mit Werten und der grundsätzlichen Haltung gegenüber der eigenen Arbeitsweise und vielleicht auch Person.

Ich mag deshalb auch nicht die Reduktion auf einzelne Methoden und Frameworks, wenn es um die agile Transformation geht. Was heute en vogue ist, wie z.B. Scrum, kann morgen schon wieder out sein. Es geht also nicht um die Methode, sondern um die Absicht, Arbeitswelten zu gestalten, in der wir unsere Kompetenzen gewinnbringend einbringen und gleichzeitig kontinuierliche Entwicklungsschritte sicherstellen können. Also raus aus dem Mangel und rein in die Fülle. Gut funktionierende Organisationen sind manchmal schon „agiler“ als sie denken.

Frage: Agilität in der Organisation klingt toll. Nach Leichtigkeit und Wendigkeit von Prozessen. Gleichzeitig gibt es aber auch Konfliktpotenziale.

Sandra Kaul: Ja, denn Neues kann Menschen natürlich auch Angst machen. Diese Angst vor Veränderung nehme ich ernst – ohne die betreffenden Personen, die eher widerständig reagieren oder Bedenken äußern, als „agile Bremsen“ abzustempeln. Nein! Sie erfüllen eine wichtige Aufgabe, denn sie signalisieren: „Halt, wir fühlen uns überfordert, wir haben Fragen und wir brauchen Austausch statt Ansage.“ Ich begegne diesen Menschen in meinen Coachings mit ganz viel Wertschätzung, damit sie sich eine passende und unterstützende Rolle in der agilen Transformation suchen können. Wir brauchen also beide Pole – die Enthusiast*innen einerseits, die Skeptiker*innen andererseits.

SZ: Heißt Agilität Radikalität?

Sandra Kaul: Ein klares Jein. Wenn die Welt einen Paradigmenwechsel erlebt, geschieht dies in der Regel zunächst ziemlich radikal. Agilität ist ein solcher Paradigmenwechsel, den ich allerdings viel „weicher“ betrachte. Wir dürfen in der Transformation allen beteiligten Menschen eine Hilfestellung geben, um sich einbringen zu können, egal welche Arbeitswelt sie bisher kennenlernen durften.

Wer dem Credo „Wir müssen agil werden“ starr folgt, der macht in meinen Augen einen Fehler. Das ist so, als würde ich die deutschlandweit verbindliche Ansage machen, dass wir jetzt auf unseren Straßen den Linksverkehr einführen, weil das in England so gut funktioniert. Was wären die Folgen? Chaos, Staus, Unfälle, verhärtete Fronten zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen.

Viel wichtiger ist es doch herauszufinden, wie wir Menschen für die neue Idee begeistern können, was sie brauchen, um der Idee zu folgen und wie wir sie am besten einbinden können. Um beim Beispiel des Linksverkehrs zu bleiben, hieße es dann vielleicht: „Welche Gemeinde hat Lust, den Linksverkehr mal auszuprobieren und ihre Erfahrungen zu teilen?“ Wir fangen klein an und bleiben neugierig, lautet die Devise.

SZ: Und wie passt da Systemisches Denken dazu?

Antwort: Systemisches Denken passt gut dazu, denn es ist ein von Neugier und Forschergeist geprägtes Paradigma – total wichtig im agilen Kontext. Wenn wir die Grundannahmen des systemischen Arbeitens dazu packen, zum Beispiel Menschen in ihrer Diversität wertzuschätzen, dann sind wir auf dem richtigen Weg: Alle Mitarbeiter*innen werden eingeladen, in einem neuen Kontext zu arbeiten.

SZ: Sie sagten eben, wir müssen wegkommen von einer „Situation des Mangels“. Was meinen Sie damit?

Sandra Kaul: Wir neigen dazu, den Fokus auf das zu legen, was gerade noch fehlt. Viel nützlicher ist es aber, auf das zu achten, was schon da ist und in der Fülle zu denken. Der erste Schritt in der Transformation ist die Wertschätzung der Ist-Situation: „Toll, dass wir gerade merken, dass eine Veränderung nötig ist – was wollen wir gemeinsam tun?“

Diese Haltung sorgt für Vertrauen im System. Wobei „Vertrauen“ an sich ist ein Plastikwort, eine Worthülse, das wir wieder mit Inhalten füllen dürfen. In vielen Arbeitskontexten gab und gibt es viele Kontrollsysteme, wie zum Beispiel die kontinuierliche Arbeitszeitkontrolle bzw. Anwesenheitspflicht am Arbeitsplatz. Ich stelle mal die steile These auf: Kontrolle basiert auf Misstrauen, also einem Mangel an Vertrauen. In den skandinavischen Sprachen heißt „Vertrauen“ übrigens „tillit“. Das ist ein sehr schöner Begriff, denn egal ob man das Wort von vorne oder hinten liest, es funktioniert in beide Richtungen: Vertrauen ist eben keine Einbahnstraße. Wer Vertrauen an seine Mitarbeiter*Innen schenkt, bekommt Vertrauenswürdigkeit zurück. Weil es eine Ehre ist, wenn jemand uns vertraut. Auch hier fokussiere ich wieder auf die Fülle, auch wenn es vielleicht Menschen gibt, die dieses Vertrauen zu ungunsten der Organisation nutzen. Ich zähle aber nicht die wenigen schwarzen Schafe, immer nur die vielen weißen.

SZ: Wie sieht es denn mit der Work-Life-Balance beim Agilen Arbeiten aus? Ist die tatsächlich gegeben?

Sandra Kaul: Work-Life-Balance ist für mich ein furchtbarer Begriff. Balance bedeutet doch, dass ich zwei Bereiche in einen Ausgleich bringen muss, damit ich Ausgewogenheit herstellen kann. Das Konzept finde ich falsch, wenn es um unser Leben geht. Außerdem: Muss ich Arbeit denn zwangsläufig als Belastung wahrnehmen? Ich finde das ist ein veraltetes Narrativ. Es ist doch toll, wenn ich beruflich etwas voranbringen kann. Als selbstständige Coach und Mutter einer Siebenjährigen brauche ich immer wieder intensive Vorbereitungszeiten, um meine Seminare und Trainings zu konzipieren. Ich bin dann vielleicht 3 Tage komplett arbeiten und nicht für mein Kind da. Bin ich deshalb eine Rabenmutter? Ich finde nicht. Wir brauchen individuelle Parameter, damit sich unser Leben in die Arbeit verlieben kann! Ich nenne das Workliferomance.

Durch agile Arbeitskontexte kann es leichter werden, seine individuelle Workliferomance zu finden. Alleine die Projektgestaltung über ein Kanban-Board kann schon helfen, die eigenen zeitlichen Ressourcen je nach Lebensumstand gut zu planen und die Produktivität des ganzen Teams zu erhalten. Es gibt also ganz viel in den Agilen Welten zu entdecken und ich freue mich schon sehr darauf, mit meinen beiden Kollegen und den Teilnehmer*Innen diese Abenteuerreise gemeinsam zu starten und noch mehr agiles Arbeiten im systemischen Kontext auszuloten.

 

Das Interview führte Claudia Dolle (Systemisches Zentrum) mit Sandra Kaul, New Work Coach aus Berlin (KIWIBLAU).

Der Workshop SCAT – Systemic Counceling Agiles Training – findet statt 

vom 3.6.2019 bis 31.01.2020

am: Systemisches Zentrum der wispo AG, Standort Berlin, Krausenstraße 23, 10117 Berlin

Gebühren: 5.988,00 € (es fällt keine Umsatzsteuer an)

Weitere Informationen + Anmeldung: https://www.systemisches-zentrum.de/fortbildungen/scat-systemic-counseling-agiles-training/