Interview mit Roman Hoch: 5 Fragen, 5 Antworten

Traumatherapie

Herr Hoch, wem empfehlen Sie die Teilnahme an der Fortbildung Traumatherapie?
Roman Hoch: Die Inhalte, die wir in unserer berufsbegleitenden, zwölfmonatigen Fortbildung anbieten, sind für Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich nützlich, die ein verbessertes Handlungsrepertoire entwickeln möchten – um so ihren Klientinnen und Klienten angemessene Hilfestellung zu leisten. Konkret denke ich an Fachkräfte, die in der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten, oder in der Kita, oder im Kontext von Migration und Flucht. Auch Pflegeeltern und Menschen, die in der Eingliederungshilfe oder in der Justiz (JGH, BWH, Forensik) arbeiten, möchte ich unsere Fortbildung ans Herz legen. Empfehlenswert ist unser Angebot natürlich auch für alle Berater*innen und Therapeut*innen, die auf Klient*innen mit Traumafolgesymptomen treffen. Durch die Fortbildung Traumatherapie erreichen sie ein vertieftes Verständnis und hohe Sensibilität im Umgang mit Menschen mit diesen Besonderheiten.

2. Was nehmen die Teilnehmenden mit, wenn sie die einjährige Fortbildung in der Traumatherapie absolviert haben?
Roman Hoch: Sie oder er wird anschließend einfach besser aufgestellt sein. Fortbildung schafft Expertise. Expertise schafft Sicherheit. Das merken vor allem die Klient*innen, aber auch das restliche Helfersystem. Das Beste, was solch eine Ausbildung vermitteln kann, ist Handlungssicherheit. Diese entsteht zum einen durch ein besseres Verständnis der innerpsychischen und neurobiologischen Zusammenhänge. Und zum anderen durch neue Kenntnisse über Interventionsmöglichkeiten und Methoden zur Navigation in diesen herausfordernden Settings. Wichtig sind ganz grundlegende Interventionen, die gezielt Ruhe und Sicherheit vermitteln und für Stabilität sorgen.

3. Und was wollen Sie persönlich Ihren Teilnehmer*innen mit auf den Weg geben?
Roman Hoch: Wenn wir als Lehrende alles richtig machen, lernen unsere Teilnehmer*innen viel über Beratung und Kommunikation, über Technik und Methoden und über Theorie und Praxis. Sie lernen allerdings auch, dass es nicht einfach DIE simple Herangehensweise geben kann, sondern dass wir auf flexible, ja sogar kreative Interventionen angewiesen sind. Vor allem aber lernen sie etwas über sich selbst. Sie lernen, wie es ist, die Dinge von verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen, in einer respektvollen, wertschätzenden Art. Sie lernen die Vorzüge eines „nicht wissenden“ Standpunktes zu schätzen und offen zu sein für Menschen, ihre Ideen und Lösungswege. Sie lernen wirkliches Zuhören. Und letztendlich entwickeln sie sich selbst weiter. Ganz besonders ihre Haltung. Für mich persönlich ist genau das eigentlich der größte Benefit, den so eine Ausbildung einem schenken kann.

Unsere Klient*innen begegnen uns im allerersten Moment bereits als Menschen. Natürlich auch im weiteren Verlauf. Wir sollten sehr darauf bedacht sein, welchen Eindruck wir erwecken. Sind wir vertrauenswürdig? Gehen wir wirklich auf unser Gegenüber ein und nehmen es differenziert wahr? Können wir wertschätzen, ohne zu sehr betroffen zu sein? Wahren wir die Grenzen? Arbeiten wir transparent? Zeigen wir, womit unsere Klienten es bei uns zu tun haben? Wir sind zwar in einer bestimmten Rolle, dennoch wirken wir besonders mit unseren eigenen inneren Haltungen und Einstellungen auf unser Gegenüber. Das zu verstehen und zu berücksichtigen und sogar gezielt zu nutzen, ist mein Verständnis von dem, was ich Teilnehmenden mit auf den Weg geben möchte.

4. Herr Hoch, Sie selbst sind traumazentrierter Fachberater. Wie ist es dazu gekommen?
Roman Hoch: Eine lange Geschichte voller Missverständnisse… Zentral ist vielleicht der Punkt, dass ich irgendwann gemerkt habe: Meine sozialpädagogischen Kenntnisse in Bezug auf Menschen mit besonders schweren und maximal herausfordernden Lebensereignissen reichen einfach nicht aus, um ihnen eine realistische Hilfe bieten zu können.

Der Zugang war damals die Onlineberatung. Im Rahmen einer bundesweiten Kooperation, aus Einrichtungen, die in der HIV-/AIDS-Beratung aufgestellt sind, haben wir ein Personalnetzwerk geschaffen, das ein regelmäßiges, offenes Chatangebot gewährleisten konnte. Die Zielgruppe waren ursprünglich Jungs, die im Internet Geld mit sexuellen Dienstleistungen verdienen. Von den Jungs, die wir über diese Plattform erreicht haben, war allerdings mindestens die Hälfte von den Folgen traumatischer Erfahrungen betroffen. Denen ging es wirklich schlecht. Das Internet mit seiner Anonymität bot ihnen die Möglichkeit, über ihre belastenden Erfahrungen und den daraus folgenden Lebensumständen zu sprechen. „Learning by doing“ war hier zu wenig. Also habe ich mich entschieden, mein Wissen zu erweitern und habe eine Ausbildung gemacht. Später habe ich viele Jahre therapeutisch im Kontext „sexuelle Grenzverletzungen“ mit Jungs und jungen Männern gearbeitet, die selbst übergriffig, aber auch gleichzeitig oft selbst betroffen waren.

5. Traumata können über Generationen hinweg weitergereicht werden, man spricht deshalb von transgenerationaler Traumaerfahrung: Was genau ist darunter zu verstehen?
Roman Hoch: Ich verstehe unter dem Begriff in erster Linie eine Perspektive, die in systemischer Weise Traumafolgedynamiken zwischen den Generationen einer Familie, oder sogar innerhalb einer Gesellschaft in den Blick nimmt. Hierin liegt die Chance, Auswirkungen besser zu verstehen und Erklärungen zu finden, die heilsame Wirkung haben können. Menschen leben in ihren Geschichten. Es lohnt sich, diese genauer anzuschauen, nicht nur in lösungsfokussiert in die Zukunft, sondern durchaus auch forschend in die frühen innerfamiliären Entstehungsgeschichten – so wie beispielsweise im Rahmen der ressourcenfokussierten Genogrammarbeit.

Roman Hoch

Roman Hoch, Lehrender am Systemischen Zentrum