Gespür für's Leben

Barbara McClintocks Entdeckung:

Die Sommerzeit gilt Vielen als "Saure-Gurken-Zeit". Von wegen! Gerade jetzt gibt die Beobachtung von Reifungsprozessen in der Natur viel her. Wie z.B. Mais. Diese Pflanze hatte sich bereits die US-amerikanische Wissenschaftlerin Barbara McClintock 1948 ganz genau angeschaut. Sie richtete ihren Blick - ganz so wie es auch Systemiker*innen tun - auf Wechselwirkungen, auf die andere nicht geachtet haben.

Erbgut kann sich verändern

1951 konnte sie nachweisen, dass die Erbsubstanz nicht nach den festen Regeln, wie sie der Vater der Vererbungslehre Gregor Mendel formuliert hatte, weitergegeben wurde, sondern veränderbar war! Stressituationen und Umweltgifte können solche Veränderungen auslösen, wobei sogenannte springende Gene dafür sorgen, dass Gene ihren Ort im Chromosom verändern können. 

McClintock (1902 bis 1992) hatte es als Forscherin in ihrer Zeit schwer. Als Frau wurde sie von ihren männlichen Kollegen nicht ernst genommen. Die springenden DNA-Elemente wurden damals als Kuriosität bewertet. McClintocks Erkenntnisse widersprachen der vorherrschenden Sicht der Genetiker. Wie soll man den Begriff des Genes als unveränderliche Struktur der Vererbung beibehalten, wenn Teile von Genen durch bestimmte Steuerungs- und Kontrollmechanismen sehr wohl ihre Struktur verändern?

Wohlverdienter Nobelrepis für lang zurückliegende, revolutionäre Entdeckung

1983, Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung, erhielt McClintock für ihre Arbeit über die springenden Gene (endlich!) den verdienten Nobelpreis. Heute weiß man, dass etwa die Hälfte des menschlichen Genoms aus Transposons besteht. Bei Mais, den McClintock mit viel Empathie studierte, sind es sogar um die 70 Prozent. Transposons ermöglichen es Lebewesen, sich anzupassen - wie z.B. der Fruchtfliege Drosophila an ein gemäßigtes Klima. Die „springenden Gene“ spielten bei der Zucht von Hunden aus Wölfen eine Rolle.

Die Anerkennung von Wechselwirkungen fällt schwer

Wir halten diese Geschichte für ein gutes Beispiel, aufzuzeigen, wie schwierig es für erklärungsbedürftige Methoden ist, sich durchzusetzen. Auch der Systemische Ansatz, der wie die Forschungsarbeit von McClintock auf Wechselwirkungen setzt und nicht auf Einzelbetrachtungen, konnte sich in Deutschland lange nicht durchsetzen und stieß auf Widerstand. Trotz aller Forschungsergebnisse wurde die Systemische Therapie erst 2018 vom Wissenschaftsrat als für die Krankenkassen abrechnungsfähig anerkannt. Besser spät als nie...