Fridays for future...

... das Systemische und ein sozialer Changeprozess

Autorenbeitrag von Claus Triebiger

„Es mögen Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen oder Flüssen mag Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den Pumpen kommen, und die Durchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen Auswirkungen“ (Luhmann 1986, Ökologische Kommunikation)

Was braucht das Individuum?
Neulich, bei 40 Grad im Schatten, unternahmen wir eine kleine Flucht. Wir wanderten in den Wald zu einem hitzegeschützten Ort. Das Ziel: eine eingefasste Quelle, ein eiskalter, dicker Wasserstrahl. Grüne Farbkaskaden unterschiedlicher Baumarten, Stille, Kühle, Wasserdunst. Schon häufiger hatten wir uns hierhin zurückgezogen, einen Rucksack voll mit Essen, Büchern, Decken dorthin geschleppt.

 

Es braucht einen persönlichen Bezug, bevor weitere Schritte möglich sind

Das ging einige Jahre gut und gab uns Sicherheit. Wenn die Hitzewellen zunehmen, werden wir uns in an diesen Ort zurückziehen. Wir brauchen dazu kein Auto, es geht auch mit dem Fahrrad. Sicher, ziemlich naiv der Glaube, es gäbe noch irgendeinen von der Klimakatastrophe unberührten Ort.

Wir waren seit dem Hitzesommer 2018 nicht mehr dagewesen, kamen jetzt, vorige Woche, dort an, fanden die Bäume teilweise auseinandergeborsten, umgestürzt, die Quelle freigelegt, kein Schatten mehr, glühender Boden. Verstreut lagen abgestorbene Bäume, abgesägte Äste, ein wüstes Bild der Zerstörung. Waldarbeiter hatten da und dort versucht, ein Mindestmaß an Ordnung wiederherzustellen. Die Quelle fanden wir. Hatten das Schild „Betreten Verboten – Lebensgefahr“ übersehen, da wir von der nördlichen Seite herkamen. Die Bäume, die noch standen, von den Kronen her abwärts schon braun, unten nur noch vereinzelt grün, eigentlich schon tot. Dann die Nachricht, dass Millionen von Bäumen derzeit absterben, ein nicht vorhersehbares Ausmaß. Waldgebiete werden zum Schutz erholungssuchender Menschen gesperrt. Das Ausmaß und die Folgen sind für die individuelle Wahrnehmung nicht mehr zu begreifen. Die Zerstörung meines Zufluchtsortes schon. Ich kann es sehen, fühlen, riechen, ich kann das Entsetzen in mir wahrnehmen. Wenn also die nächsten Hitzewellen kommen, wird es diesen Ort der Kühlung für mich nicht mehr geben. 'Wir können uns nicht darauf verlassen, dass es in einigen Jahren noch irgendeinen Ort der Flucht geben wird, während die Temperaturen steigen', war mein erster Gedanke. Darüber, dass dieses kleine Paradies zerstört worden war, wurde bislang in keinem Medium berichtet, es kam nicht in die Kommunikation und entfaltete, wie Luhmann das so treffend formulierte, „keine gesellschaftlichen Auswirkungen“. Aber es traf mich wie ein Keulenschlag, es hat tief berührt und verletzt. Das also braucht ein Individuum: einen persönlichen Bezug, ein persönliches Wahrnehmen, einen Kontext, in dem Erfahrung sich einbettet, bevor weitere Schritte möglich werden.

Medien übermitteln Wahrnehmungen symbolisch und spät – um Panikreaktionen vorzubeugen?

Alle anderen Wahrnehmungen sind über Medien lediglich symbolisch vermittelt, erreichen uns nicht wirklich, führen nicht dazu, die kognitiven Dissonanzen, hervorgerufen durch die Differenz von eigentlichem Wissen und dem Wissen widersprechenden Handeln, auszubalancieren.

Mir ging es in letzter Zeit mit mehreren Meldungen so. Meldungen, die über Twitter abgesetzt worden sind und wochenlang in den „offiziellen“ Medien nicht „gefunkt“ wurden, erreichten mich zwar, aber eben lediglich abstrakt-politisch, nötigten mich nicht zu einer Handlung. Sie kamen auch nicht in die Kommunikation und damit auch nicht in die gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Es dauerte etwa vierzehn Tage, bis von der ersten Twitter-Meldung über die brennenden Wälder in Alaska, Kanada und Sibirien auch in der Tagesschau berichtet wurde. Es dauerte lange, bis die öffentlichen Medien sich mit dem tauenden Permafrost und den steigenden Methanwerten auseinandersetzten. Nebenbei registriert wurden Rekordtemperaturen in Alaska (32 Grad C), am nördlichen Polarkreis, in Alberta Kanada 21 Grad C, West- Indien, über 50 Grad, mit blutigen Kämpfen um Trinkwasser und von den Bäumen fallenden Fledermäusen. Zwei heftige Hurrikans zerstörten Mosambique, die Tornadohäufigkeit in USA hat sich verdoppelt, in Sibirien gab es eine Jahrhundertüberschwemmung und viele Einzel-Meldungen mehr. Ich will diese Vielzahl von Meldungen eigentlich auch gar nicht wahrnehmen. Insofern beruhigt es mich, dass diese Meldungen nur kurz aufflammen, dann wieder, im wahrsten Wortsinn, von den Bildschirmen dieser Welt verschwinden. Vielleicht ist ja alles nicht so schlimm, handelt es sich nur um „Wetterphänome“ (wie das Donald Trump gerne geframt sehen will).

Einzelne Wetterphänomene oder systemische Wechselwirkungen?

Noch sehr viel weniger kommt in die Kommunikation, dass es sich bei den Wetterereignissen um systemische Phänomene handeln könnte. Könnte es sein, dass diese Einzelereignisse sich gegenseitig beeinflussen? Gibt es Rückkoppelungseffekte, die zu einer gegenseitigen Verstärkung führen? Erzeugen diese Phänomene neue, vorher nicht vermutete Phänome und schließen diese Phänome sich aneinander fortwährend und sich selbst beschleunigend an? Gibt es Hinweise darauf, dass diese Phänome einen autopoietischen Prozess im Sinne Maturanas/Varelas in Gang gebracht haben? Hoffentlich nicht!

Aber: So scheint das abschmelzende Eis der Polarregionen (Meldung vom 2.8.2019: in nur 24 Stunden schmolzen in Grönland etwa 12 Mrd Tonnen Eis ab) den Jetstream abzuschwächen, so dass Wetterlagen sich nicht mehr so schnell verändern. Dies führt anscheinend zu häufigeren Dürrekatastrophen. Starkregen,-Kälteereignissen, (Chicago -40 GradC im Winter 2018/19)aber auch Schneekatastrophen (wie in Österreich im Winter 2018/19). Dürre und Hitzewellen können offensichtlich zu Waldsterben führen und erhöhen die Waldbrandgefahr. Waldbrände (wie jetzt in Sibirien) führen zu erhöhtem CO2-Ausstoß und zum Auftauen des Permafrostes. Das Tauen des Permafrostes setzt Methan in großen Mengen frei, was wiederum das Abschmelzen des Eises beschleunigt. Solche Prozesse sind offensichtlich in noch komplexerer Weise analysierbar.

Es scheint alles also noch schlimmer zu sein, als von den Klimaforschern berechnet. Diese verwenden anscheinend lediglich lineare Berechnungen in ihren Modellen, beziehen mögliche systemische Effekte in ihre Gleichungen nicht ein, berechnen also keine kybernetischen Effekte der Beschleunigung. Kommt es also schlimmer und schneller als bislang publiziert? Setzt man die Einzelphänome zueinander in Bezug, begreift sie als Kommunikation der diversen biologischen, hydrologischen, atmosphärischen Systeme mit jeweiliger gegenseitiger Verstärkung, bleibt eigentlich kein anderer Schluss zulässig. Es kommt schlimmer und schneller!

Die Komplexität kybernetischer Klimaprozesse erfordert einen komplexen Changeprozess auf mehreren Ebenen

Was also tun?

Bei der anscheinend sich derzeit ereignenden Klimakatastrophe handelt es sich also mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen hochkomplexen systemischen Vorgang, dessen Veränderung hochkomplexe systemische Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen erforderlich macht. Die Systemtheorie, der Konstruktivismus, die Risikoforschung, die Theorie der Vielfalt der Lebensstile (Sinus-Milieus) bieten sich als deduktiver Rahmen an. Es handelt sich um den umfassendsten und komplexesten Changeprozess, vor dem die Menschheit bislang stand. Es braucht also Changemanager*innen, die ihr Handwerk verstehen. Sie dürfen, anders als Change-Manager*innen in Unternehmen, vor allen Dingen nicht scheitern und sich nach zwei Jahren Tätigkeit aus dem Staub machen (was hier eine sehr treffende Metapher ist, dieses „aus dem Staub machen“). Eine zweite Chance wird es voraussichtlich nicht geben.

Das Personal des Changeprozesses, die Change-Agents

Eine sehr junge Frau, fast noch Kind, setzte sich im August 2018 vor das schwedische Parlament mit ihrem mittlerweile weltberühmten Schild „Skolstrejk för Klimatet“. Dieses zunächst unscheinbare Kommunikationssignal im gigantischen Lärm der weltweiten Kommunikation, diese Nachricht von einem Unterschied, der einen Unterschied macht und im Wege eines Pappschildes mitgeteilt wurde, traf zwar auf unzählig viele Verstehensmöglichkeiten in der Öffentlichkeit. Zunächst wurde dieses Signal jedoch nur lokal wahrgenommen und kaum verstanden. Eine autistische Schulschwänzerin halt. Es entfaltete noch keine europaweiten gesellschaftlichen Auswirkungen. Aber mit ihrer Rede, die sie vor einem offensichtlich gelangweilten Publikum und vor fast leeren Sitzen anlässlich der UN-Klimakonferenz in Kattowitz hielt, horchte die Umwelt auf, wurden die unterschiedlichen sozialen Systeme bereits existierender Nachhaltigkeitskommunikationen weltweit beschleunigt. Es schloss sich, wie Luhmann das 1984 in seinem Werk „Soziale Systeme“ beschrieb, Kommunikation an Kommunikation an.

Eine ungewöhnliche Rede, Satz für Satz in ruhigem, ernstem Ton vorgetragen, ohne die sonst so bizarren Grimassen, von denen wohl so manche Rhetorikschule glaubt, sie müssten die Rede untermalen. Es wurde geredet über diese Rede, sie schaffte es in die Berichterstattung, E-Mails gingen um die Welt, Twitter, Facebook, Instagramm überschlugen sich.

Die Idee des Schulstreiks wurde rasch verbreitet, fand Nachahmung in den Großstädten. Rasch entstanden Klimastreiks in vielen Städten. Kinder und Jugendliche trafen sich, so wie Greta Thunberg, freitags und standen erst nur gemeinsam zusammen, später formierten sie sich zu ersten Demonstrationen, riefen zu landesweiten, dann zu weltweiten Demonstrationen und Freitags-Streiks auf. Neuer Höhepunkt soll der 20.9.2019 werden. Explizit werden nun alle Menschen aufgerufen, sich zu beteiligen. Nichts weniger als ein weltweiter Generalstreik also ist geplant. Inzwischen hat die Gewerkschaft Verdi ihre 2 Mio Mitglieder aufgerufen, an der Demonstration (nicht am Streik) teilzunehmen.

Kommunikation schloss sich also an Kommunikation und Kommunikationen bildeten Strukturen. Gaben sich einen Namen, ein Logo, entwickelten Rituale, entwarfen ein Leitbild. Greta Thunberg betonte, dass sie nicht die „Führerin“ des Ganzen sei, dass in jeder Stadt, in jedem Land sich Sprecher und Sprecherinnen finden müssen, dezentral, selbstorganisiert. Es entstand in wenigen Monaten eine Organisation, die es zustande bringt, dass über sie auf allen Kanälen, im Internet, in Printmedien, in Talk-Shows kommuniziert wird. Fridaysforfuture ist in der Lage, auf gesellschaftliche Inputs unmittelbar zu reagieren. In der Sprache systemischer Organisationsenwicklung wird zuweilen hierfür das Wort „agil“ verwendet.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsre Zukunft klaut“

ist das bestürzende Signal, das uns Erwachsenen selbst in kleinen Ortschaften entgegengehalten wird. Mittlerweile gibt es 600 Ortsgruppen von „fridaysforfuture“. Diese bestimmten monatelang den Diskurs, das wurde zum Thema Nr. 1 in den Medien und trug wesentlich zu den Ergebnissen der Europawahl bei. Das Thema Klimaschutz, Klimakatastrophe erlangte „gesellschaftliche Aufmerksamkeit“.

600 Ortsgruppen von fridaysforfuture, 27.000 Wissenschaftler*innen, Tausende von Eltern, Unternehmern, Künstlern und Künstler*innen und viele nicht Genannte bilden nun das Personal des anstehenden Change. Können sie sich so organisieren, dass eine Änderung noch erreicht werden kann? Können sie die Kommunikationen durch ihre Methoden so gestalten, dass damit neue Wirklichkeiten entstehen? Ich bin skeptisch!

Methoden aus der Forschung zur Nachhaltigkeitskommunikation

Es ist für mich erstaunlich, wie passgenau „fridaysforfuture“ umsetzte, ob bewusst oder unbewusst, was die Forschung zur Nachhaltigkeitskommunikation seit Jahren schon an methodischer Umsetzung für notwendig hält. Nachhaltigkeitskommunikation wird dort als Prozess gesehen, der unterschiedliche Interessen und Wahrnehmungen verschiedener sozialer Systeme ausgleichen, eine Verständigung ermöglichen, informieren und möglichst viele Menschen motivieren soll, an dem Prozess teilzuhaben. Sie ist selbstverständlich auch ein Steuerungsinstrument der Nachhaltigkeitspolitik. Die Verständigung erfordert meiner Meinung nach auch die Berücksichtigung der „Lehre von den logischen Typen“ nach Bertrand Russel und Norbert A. Whitehead. Sie müsste also, so die theoretische Vorgabe, auf unterschiedlichen Emergenz- Ebenen stattfinden, deren unterschiedlichen Logiken bzw. Codierungen berücksichtigen. Gemeint ist also die Kommunikation zwischen Individuen, zwischen Individuum und Institutionen bzw. Organisationen, zwischen Organisationen und Institutionen, und innerhalb der jeweiligen Organisationen bzw. zwischen und innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtsysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht, Verwaltung und auf den unterschiedlichen Ebenen daraus hervorgehenden Entscheidungen und Handlungen..

Methoden der Wirksamkeit

Methoden, um auf diesen unterschiedlichen Ebenen Wirksamkeit zu entfalten, könnten möglicherweise sein: Gesprächsforen, Social Marketing, die Bereitstellung kommunikativer Planungs- und Partizipationsinstrumente wie Zukunftswerkstätten, Zukunftskonferenzen, runde Tische, aber im Streitfalle auch Mediationsverfahren. Systemische Methoden wie das World-Cafe bzw. Open-Space, Freie Bildungsveranstaltungen, Arbeit mit Soziogrammen, geistigen Landkarten, Programmen zu aktiven zukunftsfähigen Lebensentwürfen. Und zu guter Letzt auch die Durchführung zukunftsorientierter Lebensweltprojekte, wie die Organisierung gemeinschaftlicher Versorgung (Beispiel: Solidarische Landwirtschaftsgemeinschaft) oder das Wirtschaften mit Focus Gemeinwohl (Beispiel: Firma Manomama Augsburg), Selbstverständlich auch das Durchführen von Tagungen, Kongressen, Öffentlichkeitskampagnen, die Förderung und der Erhalt dezentraler Organisationsformen u.v.m.

Beispiele in diesem Sinne gelingender Projekte trug Harald Welzer mit seinem Institut Futurzwei zusammen. Das Institut gab zwei Almanache heraus, in denen weltweit Projekte beschrieben wurden, die Nachhaltigkeitserfordernisse, wie sie in Rio 1992 formuliert wurden, umsetzten. Viele dieser Methoden fanden bei Fridays for future mittlerweile Anwendung.

Systemische Strategieentwicklungen
Zunächst wurde diese Bewegung behutsam gehört. Es handelte sich schließlich um Kinder. Politik und Industrie versuchten mit den Sprechern und Sprecherinnen zu kommunizieren und sie damit wieder einzubinden in einen gesellschaftlichen Konsens. Wir wollen doch alle dasselbe. Je mehr Zeit vergeht und je weniger die Bewegung sich von den Worten beruhigen lassen will und je beharrlicher sie weiterhin auf ihren Streik auch nach den Sommerferien bestehen, desto mehr greifen nun Politik und Industrie über ihre Medien nun strategisch auf altbekannte Taktiken (siehe Sun Zi „Die Kunst des Krieges“) zurück: Diffamieren, entwerten, entwürdigen, Keile in die Bewegung treiben, diskreditieren, verleumden, unterstellen, vorhalten von FakeNews und FakeScience, gezielte Lügen verbreiten, ermüden, bis hin zu Warnungen der Öffentlichkeit vor Gewaltvorhaben:  So sieht die Palette möglicher Mittel zur Erreichung des strategischen Ziels, die Bewegung zum Schweigen zu bringen, aus.

Fridaysforfuture sollte sich weiterhin dezentral organisieren und weiterhin Überraschungen bieten. So ist sie gut vor diesen perfiden Taktiken geschützt. Fridaysforfuture kennt zwar Sprecher und Sprecherinnen, aber keine zentrale Führung. Das ist eine taktische Stärke, da der Kopf der Bewegung nicht abgeschlagen werden kann, da es keine Köpfe gibt. Selbst wenn Greta Thunberg entnervt aufgeben sollte, werden genügend nachrücken und ihre Arbeit fortführen können. Das „Wilde Wuchern“ (Henry Mintzberg) ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die bessere strategisch-taktische Variante als der große Plan. Noch beherrscht fridaysforfure das systemische Konzept des Wilden Wucherns.

Auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt: Heraus aus der Problemtrance
Die Zerstörung meines Lieblingsplatzes ist eine Sache. Eine andere Sache ist, dass das Erlebnis mir half, aus meiner „Problemtrance“, wie das im Systemischen Kontext genannt wird, herauszukommen. Vielleicht wird es solche Lieblingsplätze immer weniger geben. Noch aber ist nicht alles zerstört und wir haben wohl noch ein Quentchen Zeit und ein „Quantum Trost“. Nach einer Trauerphase um einen verlorenen Lieblingsplatz (und der Suche nach einem neuen) merke ich, dass es nicht nur um mich als Individuum geht und ich als Individuum nur bedingt Wirkung zu erzeugen vermag. Es steht mehr auf dem Spiel als der Verlust eines schönen Wohlfühlplätzchens, das mich in der Komfortzone hielt. Ich stehe nun auf und werde mich „Parentsforfuture“ anschließen. „Parentsforfuture“ sieht sich als Supportorganisation für „fridayforfuture“. Wenn man so will wohl so eine Art Dienstleistungsunternehmen. Das ist im Prinzip für uns Eltern auch keine neue Rolle. Ein Leben lang geht das schon so, stehen wir hinter unseren Kindern, also kann das auch organisational so weitergehen.

Die Sache mit der Zukunft
Ob das eine Zukunft hat oder ob nicht, wird sich zeigen. So viel jedoch jetzt schon: Neben der Unterstützung der jungen Leute in den kommenden, sich wahrscheinlich verschärfenden Auseinandersetzungen ist für mich als systemischer Dozent die praktische Anwendbarkeit systemischer Erkenntnistheorie bzw. systemischer Arbeit mit Komplexität, Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit, wie sie in sozialen Bewegungen üblicherweise vorkommt, überaus reizvoll. Für komplexe Fragestellungen braucht es Lösungen mit hoher Eigenkomplexität. „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“ tönte einst Rio Reiser mit seiner Gruppe „Ton, Steine, Scherben“. Tja, es geht voran!

Und, möglicherweise, fördert der Gesamtprozess, der hier in Bewegung gekommen ist, bei vielen Menschen bislang unentdeckte Ressourcen zutage. Es geht um einen hochenergetischen sozialen Prozess, der Menschen in Selbstwirksamkeit und Kommunikation bringt. Neue Kommunikations-Strukturen werden daraus entstehen, vielleicht Strukturen, wie in den von Harald Welzer geschilderten Projekten, die Grundlage für ein neues Arbeiten, Wirtschaften, -Leben und Lieben sein können.

Und wahrscheinlich lassen sich nur so, Schritt für Schritt, Ebene für Ebene, mit nach jedem Schritt erfolgenden Evalutionen, komplexe Problemlagen bearbeiten.