Niemand ist alleine alt

Frankfurt, 10.10.2017. „Niemand ist allein alt“ – so lautete das Thema, über das sich die Teilnehmenden der Regionalgruppe Rhein-Main im Rahmen ihres Treffens am 5. Oktober im Systemischen Zentrum in der Schweizer Straße austauschten.

Die Generationenverhältnisse verdrehen sich - wer bisweilen noch be-eltert wurde, muss sich bald um seine Eltern sorgen und kümmern. Der Bevölkerungsanteil der alternden Menschen ist schon jetzt wesentlich höher als die anderen Lebensalter. Das "Alter" ist im Vergleich der einzelnen Lebensphasen die längste Phase. Dabei liegen zwischen dem Mythos des unbedingt "Jungsein-Wollens" und der beginnenden Gebrechlichkeit oft Welten. Intergenerationalität in den Familien, in den Institutionen, in der Gesellschaft:

Das Thema liegt uns allen zu Füßen und fordert uns heraus. Gute Gründe also, warum sich Systemiker*innen jeden Alters mit diesem Thema auseinandersetzen sollten, meinte auch Renate Zwicker-Pelzer, Vorstandsmitglied der DGSF und Professorin an der Fachhochschule Köln. Viele der Teilnehmenden fühlten sich dem Thema „Altern“ aus ganz persönlichen Gründen verbunden: Sei es, weil man sich mit dem eigenen Älterwerden aktiv beschäftigt, sei es im Umgang mit den eigenen, pflegebedürftigen Eltern oder die Erkenntnis, dass man sich zunehmend Entschleunigung im Alltag wünscht.

Systemische Beratung Älterer: ein widerständiges Thema

Aber: Die systemische Beratung in der Arbeit mit alten Menschen ist ein Thema, das mit vielen Widerständigkeiten behaftet ist, weiß Zwicker-Pelzer aus Erfahrung. Kaum jemand fühlt sich so alt wie die tatsächlich gelebten Jahre: 80 Jährige fühlen sich heute 10 Jahre jünger. „Und mit 60 hat man mehr gemein mit den Jüngeren. An wichtigen Lebensphasen machte die Expertin die folgenden aus:

0-6 Jahre: die Zeit der Bindung
6-18: Erwachsenwerden
19-35 Jahre und 36 – 59 Jahre: Erwachsensein
60-83: die längste Lebensphase
84 - : Hochbetagtheit

Habenkultur macht wenig Sinn: Ehrenamt statt Kreuzfahrt

Trotzdem, dass die Jahre zwischen 60 und 75 von Wohlstand geprägt seien, sehnten sich die Menschen dieser Altersgruppe nicht nach Kreuzfahrten und der Anschaffung weiterer Besitztümer. „Die Habenkultur macht wenig Sinn für die gut Betuchten“, so Zwicker-Pelzer. Diese seien vielmehr auf der Suche nach Sinnhaftigkeit. Und so verwundere es nicht, dass ehrenamtliches Engagement in dieser Altersgruppe überproportional vertreten ist.

Silver Ager gut aufgehoben in der Systemischen Beratung


In der Systemischen Beratung sind die „Silver Ager“ gut aufgehoben. Gerade Jüngere gelten ihnen als gute Ansprechpartner, denn diese stellten neugierige Fragen und explorierten gerne. „Die Gleichaltrigen fragen nicht so viel, weil sie eben denken: Wir sind im gleichen Alter, man versteht sich“, sagt Zwicker-Pelzer.


Themen, die in der Systemischen Beratung von Älteren behandelt werden, sind zum Beispiel:
- Einzelkinderkonstellation: Die Last, die eigenen hochbetagten Eltern zu umsorgen, tragen sie allein
- Wie kann ich mich neu öffnen? Für Nachbarn? Für andere Menschen?
- Im Alter leben viele Singles, nicht nur wegen des Tods des Partners. Sie wollen einerseits Freiheit spüren, andererseits Verbundenheit. Hier geht es um die Erhöhung sozialer Netzwerke und – daraus resultierend – um höhere Resilienz
- Häufige Anliegen von 55-Plus-Jährigen: Sie dürfen die Enkelkinder nicht sehen, sie sind in Erbstreitigkeiten verstrickt, müssen sich mit bockigen Eltern auseinandersetzen: All dies sind Aspekte der Sinnsuche.
- Beziehungen im Alter. Will/kann ich eine WG ziehen, nachdem ich lange Jahre alleine gelebt habe?
- Eltern behinderter Kinder umtreibt die Sorge: Wer kümmert sich, wenn wir es nicht mehr können?
- Systemische Beratung in der Altenhilfe
- Ansprache von Menschen mit Demenz über tiefe Gefühle aus der Kindheit


Ein weiteres Betätigungsfeld für Systemiker*innen könnte es auch sein, im Rahmen neuer Betreuungskonzepte betagter Menschen – wie z.B. bei der Einführung der „Gemeindeschwester Plus“ in Rheinland-Pfalz ─ Supervisionen für die Pflegefachkräfte anzubieten.


Für alle, die sich für die systemische Arbeit interessieren oder bereits vorhandene Kenntnisse erweitern und auffrischen möchten, hält das Systemische Zentrum eine Vielzahl von Informationsveranstaltungen, Workshops, Fachtagen und Weiterbildungsangeboten bereit.


Informationen zu den Fort- und Weiterbildungsangeboten des Systemischen Zentrums der wispo AG gibt es hier