Paar- und Sexualtherapeut Tobias Günther:

10 Top-Gründe, warum die Lust auf Sex verschwindet

Was sind die Gründe dafür, dass der Sex in einer Partnerschaft weniger wird? Fakt ist: Alle Paare wünschen sich eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe. Treue, Leidenschaft, in guten wie in schlechten Zeiten, bis in alle Ewigkeit. Fakt ist aber auch: Nur die wenigsten Menschen schaffen es, diesen hehren Ansprüchen gerecht zu werden und sie in die Praxis umzusetzen. Sehr häufig höre ich von meinen Klient*innen: „Na ja, wir sind ja auch schon jahrzehntelang zusammen. Da ist es einfach nicht mehr so prickelnd wie ganz am Anfang, als wir uns kennengelernt haben.“ Fest steht, die negative Annahme „Der Sex in einer Beziehung wird im Laufe der Jahre schlechter“ ist eine selbsterfüllende Prophezeihung!

Tobias Günther

Die Top-Ten-Gründe, warum die Lust auf Sex bei vielen einschläft, sind die folgenden:

1. Keine Zeit füreinander!
Beziehungskiller Nummer 1: Zeitmangel. Sei es durch Job, Familie, Freunde, Hobbys – die Beziehung leidet darunter. Man sieht den Partner kaum noch oder lebt nebeneinander her. Deshalb öfter mal das Handy ausschalten, die E-Mail nicht checken, die Wäsche mal bleiben lassen. Und ganz wichtig: Kinder nicht an die erste Stelle setzen! Kinder fühlen sich in ihrer Familie nämlich dann am wohlsten, wenn sich eben nicht alles nur um sie dreht. Das ist zu viel Verantwortung für ein Kind. Wenn die Beziehung von Mann und Frau vorrangig ist und sie sich lieben, fühlen sich die Kinder am richtigen Platz. Und die Erwachsenen können ihnen ruhig sagen: Jetzt brauchen wir mal Zeit für uns!

2. Mangelndes Selbstvertrauen
Gerade Frauen leiden unter mangelndem Selbstwert. Der verzweifelte Aufschrei „Ich bin zu fett!“ ist ein gewaltiger Abturner. Wir sind für den Partner dann am attraktivsten, wenn wir uns selbst erotisch finden. 

3. Eifersucht
Ein bisschen Eifersucht ist völlig normal. Jeder, der seinen Partner liebt, kennt das. Wer aber seinen Partner permanent kontrolliert, mit Vorwürfen und Anschuldigungen quält, handelt destruktiv. Beispiel: Sie lacht am Telefon – und er denkt: Sie flirtet ungeniert mit einem anderen. Oder: Er bringt den Müll raus – sie vermutet: eine Ausrede, damit er bei der hübschen Nachbarin nebenan nach dem Rechten sehen kann.

4. Sich-Gehenlassen
Schließlich kennt man sich viele Jahre und hat keine Geheimnisse voreinander. Deshalb scheuen sich viele nicht, sich vor dem seinem Liebsten auf die Toilette zu setzen. Ausgeleierte Shirts, XXL-Nachthemden und Schlafanzüge mit Bärchen-Print: Schön bequem, auf Dauer aber wenig antörnend. Auch müffelnde Hausschuhe taugen nicht dazu, die Leidenschaft beim Partner zu wecken. Genausowenig wie Socken. Blähungen nach einem ausgiebigen Mahl kommen vor – dem Liebesleben sind Flatulenzen aber definitiv abträglich. Das Gleiche gilt für Knoblauch, Zwiebeln und Zigaretten: Leidenschaftliche Küsse sind bei Mundgeruch so gut wie unmöglich. 

5. Mangelndes Verständnis
Mangelndes Verständnis führt zu Intoleranz und Distanz. Den Partner annehmen, so wie er ist! Also spüren, sehen und hören, was der andere braucht und will und Verständnis zeigen, auch für die Einschränkungen, die jeder Mensch hat.

6. Nicht verzeihen können
Wer seinem Partner ständig etwas nachträgt, belastet sich selbst am allermeisten.

7. Negative Kommunikation
Viele Partner beginnen nach einer gewissen Zeit, nur über das zu reden, was fehlt, nicht passt oder schiefläuft. Wenn nur negative Themen im Fokus des Zusammenlebens stehen, kann daraus auch nichts Neues und Gutes entstehen.

Bei manchen gibt es gar keine Kommunikation mehr. Und wenn geredet wird, dann nur noch über die Organisation des Alltags. Wenn zwei Menschen aber nicht miteinander reden und sich nicht austauschen, entsteht Distanz und Resignation.

Wer wiederum ständig am Partner herumnörgelt, erzeugt bei diesem das Gefühl: „Oh je, sie liebt mich überhaupt nicht so, wie ich bin.“ Daraus entsteht Frust. Oder Trotz, nach dem Motto: "Egal, was ich mache - es ist sowieso nicht recht!"

Streit

8. Mangelnde Streitkultur
Oft schweigen Partner Probleme tot – um des lieben Friedens willen oder weil es einfach zu anstrengend ist, sich immer wieder auseinanderzusetzen. Die Konflikte aber offen auszusprechen, hat einen reinigenden Effekt. Zum einen sammeln sich keine unausgesprochenen Vorwürfe an. Zum anderen wird man sich des Fremden am Partner bewusst. Das Fremde macht ihn interessant, es bleibt noch etwas zu entdecken.

Viele Konflikte werden unbewusst über die Sexualität ausgetragen. Die ist nicht mehr befriedigend oder sogar erloschen, aber keiner der Partner spricht das an. Peinliches Schweigen. Man zieht sich zurück und erwartet vom anderen den ersten Schritt – nach dem Motto: "Wenn er/sie mich mal wieder zärtlich berühren würde.“ Aber da kann man lange warten!

9. Die Eigenheiten des anderen: erst heiß geliebt, dann kalt abgelehnt
Gemeinsamkeiten sorgen für Harmonie, Gegensätze für Spannung. Oft ist das, was uns am Anderen am Anfang so gut gefallen hat, jetzt das, was wir ablehnen. Der Mann, der so ein guter und aufmerksamer Zuhörer war, redet einfach zu wenig. Die temperamentvolle Frau, die anfänglich so lebendig und aktiv wirkte, ist plötzlich unruhig und anstrengend.

10. Zu wenig Freiraum
Jede Beziehung braucht nach der ersten Phase der Verliebtheit Impulse von außen. Wir leben nicht in einer Barbie-World, die Schmetterlinge im Bauch der Anfangszeit bleiben uns nicht ein Leben lang erhalten. Deshalb tut es gut, wenn beide eigene Interessen und Hobbys pflegen, auch mal mit eigenen Freunden weggehen.

 

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